24 de agosto de 2009

Anna Rossell, Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Anna Rossell

Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt



1. „Castellio gegen Calvin“ im Rahmen von Zweigs Biographie und seinem ideologischen Horizont

Stefan Zweig (1881-1942) war bekanntlich ein Meister des psychologischen Porträts. Sein Werk ist voller Studien von Persönlichkeiten zwischen Biographie und historischer Fabel. Der symptomatische Titel der Reihe, unter dem seine bekanntesten Essays veröffentlich wurden, Baumeister der Welt, offenbart die Absicht des Autors, die Ideen der Schriftsteller zu verbreiten, die er für die wertvollsten und einflussreichsten seiner Zeit hielt. Er nahm sich damit das Projekt vor, zum Bau eines vereinten Europas beizutragen, das, durch die Kraft des Geistes brüderlich verbunden, in Frieden lebte, einer Utopie, die Zweig bis zu seinem Lebensende verfolgte (1).
Nach den grauenerregenden Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, publiziert Zweig im Jahr 1922 Drei Meister (Balzac, Dickens, Dostojewski), 1925 Der Kampf mit dem Dämon (Hölderlin, Kleist, Nietzsche) und 1928 Drei Dichter ihres Lebens (Casanova, Stendhal, Tolstoi). In dieser Arbeitslinie und der politisch-sozialen Entwicklung der Zeit entsprechend, die keinen Zweifel an der diktatorischen und terroristischen Natur der nationalsozialistischen Regierung ließ – die Nürnberger Gesetze, auf die das Naziregime seine antisemitische Politik stützte, wurden 1935 erlassen -, veröffentlicht der österreichische Jude Stefan Zweig im Jahr 1934 Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, ein Portrait des Humanisten und Gelehrten, den der Autor dem seines Widersachers Luther entgegensetzte. In diesem Jahr macht sich die hohe politische Temperatur auf der Straße bemerkbar: das Haus des pazifistischen Schriftstellers wird nach Waffen durchsucht, und aufgrund dieser Vergewaltigung seiner Intimität und der Gefahr, die ihm droht, beschließt Zweig, Österreich zu verlassen und endgültig nach London umzuziehen. Dort veröffentlicht er 1936 Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt.
Dieses Werk gehört zur Exil-Literatur in deutscher Sprache, die von den aus Deutschland und Österreich ausgewiesenen Schriftstellern verfasst wurde. Alle haben einen gemeinsamen Nenner: sie nehmen indirekt Bezug auf die Greuel des Nazionalsozialismus und beabsichtigen, ihn zu entschleiern und dazu Stellung zu nehmen, ohne die Hoffnung zu verlieren, dass ein Echo ihres Werkes diejenigen erreicht, die im Innern des Landes jene Tyrannei am eigenen Leib erleiden müssen. Die Exilliteratur bedient sich also einer verschleierten Sprache, pflegt den historischen Roman und die Parabel, um ihre Aktualität zu vergegenwärtigen, ohne sie konkret zu nennen. Indem sie die Handlung in die Vergangenheit versetzt, erreicht sie den nötigen brechtschen Verfremdungseffekt, der dem Leser ermöglicht, den Symptomenkomplex zu erkennen, der sich jetzt so ähnlich wiederholt, wie er sich damals schon einmal zeigte.
Zweig bildet keine Ausnahme. Es ist kein Zufall, dass er sich gerade in jenen Jahren mit diesen beiden historischen Persönlichkeiten befasst, dem Humanisten Castellio und dem Diktator Calvin, die im 16. Jahrhundert eine wesentliche und heftige Kontroverse über die Gewissensfreiheit austrugen, und dass er sie zu universellen Archetypen zweier entgegengesetzter und unversöhnlicher Positionen erhebt, die sich zyklisch in der Geschichte wiederholen: die fanatische Mentalität, despotisch und unduldsam, und die gemäßigte, respektvolle und zum Dialog bereite Haltung.
Zweifellos hatte sich Zweig vorgenommen, einen Parallelismus herzustellen zwischen dem von der calvinischen Reform veranlassten Terror und der nationalsozialistischen Diktatur. Diese Absicht geht nicht nur aus dem von ihm gewählten Moment hervor, dieses Buch zu schreiben, sondern auch aus manchen in sein Buch eingewobenen Begriffen nazionalsozialistischer Prägung (2) und sogar aus den psychischen und physichen Zügen, mit denen Zweig Calvin charakterisiert (3). Doch die häufigen Reflexionen, die Zweig der Geschichte widmet und regelmäßig in sein Werk streut, um daraus verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen, seine entschiedene Stellungnahme für Castellio, sowie den Abscheu, den er vor Calvin empfindet, geben Anlass zu denken, dass dieses Buch dem Wiener Schriftsteller noch mehr bedeutet: Zweig nimmt sich vor, den zu Unrecht sogar noch heute unter Gelehrten kaum bekannten Castellio aus der Vergessenheit zu retten und seine Gedanken und sein heroisches Verhalten zu verbreiten, um der Welt seinen unbezahlbaren Beitrag zum Humanismus bekannt zu geben. Zweig, der die Kunst der psychologischen Introspektion seiner Charaktere beherrscht, versteht es, die Züge seiner Personen so zu stilisieren, dass es ihm gelingt, nicht das Porträt zweier Individuen zu schildern, sondern jeweils die universelle Quintessenz des Fanatismus und des Humanismus (4).
Diese entschiedene Verteidigung der Gewissens- und Meinungsfreiheit gegen die Tyrannei, die den Geist vergewaltigt und versklavt, stimmt absolut mit der dezidierten pazifistischen Überzeugung Zweigs überein, der, von seinem Freund Romain Roland und den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges beeinflusst, nicht nur den Krieg verabscheute, sondern allen Auseinandersetzungen intellektueller oder politischer Art aus dem Weg ging und radikale Stellungnahmen zu meiden suchte. Er, der nie ein politischer Mensch war und sich nie für Politik interessierte, verstand sich selbst als Mittler zwischen Parteien und verfolgte mit seinen Essays das Ideal, zu jenem erträumten supranationalen Europa beizutragen, das, einmal die Differenzen beigelegt, die zum Großen Krieg geführt hatten, durch den Geist und die Kultur brüderlich vereint, einer gemeinsamen Zukunft entgegensehen würde, wo jeder Mensch über sein Schicksal frei entscheiden könnte (5). Zweig sah in der Diaspora des jüdischen Volkes, in seiner kulturellen und linguistischen Vielfalt und in seiner nationalen Entwurzelung, eine Gelegenheit, um dieses Ideal der Konfluenz aller Menschen im Geist, von Nationalismen befreit, zu verwirklichen und er hielt den Sionismus und die Gründung eines jüdischen Staates für eine Verfehlung dieser historischen Mission (6). Von einem blinden Vertrauen auf die menschliche Vernunft und einem unrealistischen Optimismus getrieben, assoziierte er den technischen Fortschritt mit dem Triumph des Geistes über die Barbarei und interpretierte diese Entwicklung als einen Fortschritt ohne Rückkehr in die finsteren Zeiten der Vergangenheit (7).


2. Calvin und Castellio als Archetypen des Diktators und des Humanisten

Zweig, der schon 1916 in seinem Theaterstück Jeremias schrieb: „Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist.” (8) , entschiedener Fürsprecher der Gedankenfreiheit, konnte nicht stumm zusehen, wie der Nationalsozialismus systematisch dieses universale Menschenrecht verletzte. In Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt (1936) erhebt er seine Stimme gegen diese Vergewaltigung. Ausgehend vom historischen Prozess gegen den spanischen Arzt und Theologen Miguel Servet, der von Calvin 1553 verfolgt, gemartert und, wegen Ketzerei beschuldigt, zum Scheiterhaufen verurteilt wurde, klagt er ein solches Vorgehen an. Servets Hinrichtung, die erste, die die Reform vollstreckte, stieß sogar unter lutheranischen Kreisen auf erheblichen Protest, wenn auch diese Kritik nicht öffentlich zum Ausdruck kam und ohne Konsequenzen blieb. Erst nach dieser Hinrichtung, nachdem Calvin seine theokratische Diktatur in Genf gesichert hatte und der Genfer Reformator von der ganzen protestantischen Welt als Fähnrich der Vereinigung der Sektenzersplitterung gegen die Kirche Roms anerkannt war, beschließt Castellio, angesehener Theologe und Humanist, gegen die Verbreitung der Barbarei zu kämpfen und verfasst sein Buch De haereticis (1554).
Um seine eigene Integrität und den kleinen Kreis seiner Befürworter zu schützen, publiziert er die Schrift aus seinem Bernschen Exil unter dem Pseudonym Martin Bellius und lässt als Namen des Druckorts statt Basel Magdeburg angeben. Als Reaktion gegen den Mord an Servet schreibt er wenig später Contra libellum Calvini – das aus Zensurgründen erst fast ein Jahrhundert nach dem Tode des Autors zum Druck gelangen konnte -, eine Gegenrede zu Calvins Verteidigung des rechten Glaubens und der Dreieinigkeit gegen die fürchterlichen Irrtümer Servets, eine apologetische Schrift, in der Calvin seine Tat gegen Servet zu rechtfertigen versuchte.
Die Einleitung zu De haereticis geht dem machiavelischen Vorgehen Calvins gegen Servet nach und formuliert, Schritt für Schritt - als würde es sich um ein Gericht handeln, in dem Castellio gleichzeitig als Anwalt des Angeklagten und Ankläger Calvins fungiert - mit stichhaltiger Beweisführung die wesentlichen Fragen, um der Welt zu beweisen, dass der Tod Servets ein Mord war und dessen Anstifter und Richter dementsprechend Mörder waren.
Die Bewunderung, die Zweig diesem tapferen Heros zollt, den er einen wirklich freien Menschen nennt, da er sich keiner Macht und keiner Partei außer seinem eigenen Gewissen beugt, der als Einziger um des humanistischen Ideals willen sein Leben riskiert, geht aus der Bedeutung hervor, die er Castellios Text beimisst: er bezeichnet ihn als historisches Dokument universaler Gültigkeit und betitelt das Kapitel, das er in seinem Buch diesem Text widmet als „Das Manifest der Toleranz” (9).
Castellios Schrift bedeutet dem Wiener Autor eine Reflexion über die Koexistenz von Freiheit und Autorität - zwei entgegengesetzten, aber notwendigen Polen - und über die Aufgabe zu vermeiden, dass die eine zur Ausschweifung und die andere zur Tyrannei degeneriert: „Diese immer wieder notwendige Abgrenzung zwischen Freiheit und Autorität bleibt keinem Volke, keiner Zeit und keinem denkenden Menschen erspart: denn Freiheit ist nicht möglich ohne Autorität (sonst wird sie zum Chaos) und Autorität nicht ohne Freiheit (sonst wird sie zur Tyrannei).“ (10)
Zweig beginnt sein Kapitel mit einem Zitat Castellios, das das Wesentliche seiner Verteidigungsschrift zusammenfasst: „Die Wahrheit zu suchen und sie zu sagen, wie man sie denkt, kann niemals verbrecherisch sein. Niemand darf zu einer Überzeugung gezwungen werden. Die Überzeugung ist frei.” (11)
Ein erhebliches Verdienst Castellios ist es, dass er die Beweisführung, auf der seine Anklage gegen Calvin wegen Verdammung eines Menschen zum Scheiterhaufen beruht, auf den Widersprüchen der Argumentation und der Vorgehensweise seines Gegners zu begründen weiß. Und sein Verdienst ist es auch, ans Tageslicht zu bringen, dass die Methoden der Fanatiker im Laufe der Geschichte immer dieselben gewesen sind: Verleumdung, Verachtung und Vernichtung und dass nur die jeweils dafür angegebenen Gründe wechseln. Wissend, dass die Macht in jeder Epoche jeweils eine schwache Minderheit findet, auf die sie ihren Hass entlädt, warnt er auch vor der Gefahr der paranoiden Verfolgung, die jede Etikettierung der Menschen entfesseln kann. Ausgehend von der Verurteilung Servets, der als Ketzer angeklagt wurde, stellt Castellio die erste Frage: Was man unter Ketzer verstehe und ob es statthaft sei, jemanden wegen Ketzerei zu verfolgen. Da Calvin, um diese Verfolgung zu rechtfertigen, sich auf die Bibel bezogen hatte, verweist Castellio – Protestant wie Calvin - auf dieselbe Quelle und er findet keinen Bezug auf diesen Begriff, nur ist dort die Rede von der Bestrafung der Gottesleugner. Auf keinen Fall aber war Servet ein Gottesleugner, da er, als er verbrannt wurde, flehentlich Gott anrief und überzeugter Gläubiger war. Und mehr noch: Ketzer können niemals Gotteslästerer sein, da gerade diejenigen, die Calvin Ketzer nennt, die einzig wirklichen Christen zu sein behaupten. Und er schlussfolgert:

Da niemals ein Türke, ein Jude, ein Heide Ketzer genannt wird, muß Ketzerei ausschließlich ein Delikt innerhalb des Christentums sein. Also neue Formulierung: Ketzer sind diejenigen, die - obzwar Christen - nicht dem ‚wahren’ Christentum anhängen, sondern eigenwillig in verschiedenen einzelnen Punkten von der ’richtigen’ Auffassung abweichen. (12)

Es stellt sich also die Frage, welche von den vielen christlichen Exegesen die echte ist. Und weil sie alle für sich die Authentizität beanspruchen – eine Haltung, die Castellio für arrogant hält -, wird diese Annahme ad absurdum geführt. Weil bei der Deutung der Heiligen Schrift niemand der Möglichkeit zu irren entgehen kann, ist nur gegenseitige Toleranz möglich (13). Der Begriff ‚Ketzertum’ ist dementsprechend ein relativer, und die Benennungen ‚Märtyrer’ und ‚Ketzer’sind, abhängig vom Gesichtspunkt, austauschbar. Und er fragt weiter: kann man Gedanken - die intimsten Überzeugungen eines Menschen - überhaupt richten und verurteilen, als handelte es sich um ein Gemeindelikt? Und selbst wenn man es könnte, wer wäre dazu legitimiert?
Eine zweite Grundsäule, auf die Castellio seine Streitschrift stützt, ist die Trennung von weltlicher und religiöser Macht. Calvin hatte die Bibel „als das einzig gültige Gesetzbuch” durchgesetzt (14). Und da die weltliche Macht es gewesen war - wenn auch von Calvin dazu angetrieben -, die Servet verurteilte, verweist der Humanist auf die Worte Christi im Neuen Testament: „Gib Cäsar, was des Cäsars, und Gott, was Gottes ist“. Doch selbst wenn die kirchliche Macht Befugnisse in religiösen Angelegenheiten hat, sollte sie niemals über die persönliche Überzeugung eines Menschen richten. Dies zu tun hieße, das unantastbare Recht auf Gewissensfreiheit zu vergewaltigen. Da dem Begriff ‚Individuum’ eine eigene Ansicht inhärent ist, kann man sich nicht anmaßen, die verschiedenen Glaubensrichtungen auf Befehl gleichzuschalten. Folgerichtig fordert Castellio zum gegenseitigen Respekt auf als dem einzig möglichen Weg zu friedlichem Zusammenleben und zum Dialog. Die wirkliche Humanität impliziere den Willen zur Konzilianz. Wenn der individuelle Glaube der menschlichen Natur inhärent ist, wie kann ein Mensch wegen seines Glaubens angeklagt werden? Wer ist für seinen eigenen Glauben verantwortlich? Castellio kehrt dann die Richtung der Beschuldigung um: nicht der angebliche Ketzer ist schuldig, sondern der Fanatismus und die Intoleranz. Als überzeugter Christ und guter Kenner der Bibel weiß und behauptet er, „wenn Christus hier gegenwärtig wäre, niemals würde er euch raten, jene zu töten, die seinen Namen bekennen, selbst wenn sie in irgendeiner Einzelheit irrten oder falsche Wege gingen...“ (15). Diese Behauptung impliziert, dass nicht nach dem Geist des Christentums handelt, wer intolerant ist, denn Intoleranz ist Verrat an seinem Wesen, genauso wie auch die Überheblichkeit des Intoleranten das Christentum verrät, denn, indem der Intolerante sich anmaßt, den einzig wahren Glauben zu vertreten, behandelt er seinen Gegner als Untersetzten und Unwissenden, und nicht als Gleichberechtigten, wie es die christliche Tugend der Bescheidenheit fordert. Darin bestehe der Unterschied zwischen dem Dogmatiker und dem Toleranten. Religion wird nicht bewiesen „durch mitfühlende Liebe, nicht durch äußerliche Gebräuche, sondern durch innerlichen Herzensdienst“. (16)
Dass Castellio in seiner Charakterisierung des Dogmatikers recht hat, zeigt gerade die wütende Reaktion Calvins, der hinter dem Pseudonym und trotz der Fälschung des Verlagsortes den Verfasser Castellio erahnt und sofort die entsprechenden Maßnahmen ergreift, damit das Buch nicht in die Öffentlichkeit gelangt.
Ebenso wie die Einführung zu der Schrift De haereticis, die, sich auf einen konkreten Fall berufend, zu einem universalen Manifest der Toleranz erhoben wird, kann man auch Castellios Beobachtungen über Calvins Persönlichkeit - die sich Zweig zu eigen macht und denen gegenüberstellt, die er selber an Castellios Wesen beobachtet - jeweils als zwei allgemeingültige Radiographien betrachten: die des totalitären und des humanistischen Charakters. Es gehört also zum Typ des Fanatikers, dass er, wie Calvin, um jeden Preis repressive Maßnahmen gegen jede Meinung ergreift, die von der seinen abweicht, dass er seinen Hass gegen diejenigen richtet, die sich anmaßen, sie zu äußern und dass er sich ihre Zerstörung vornimmt, damit einzig und allein seine Macht herrscht. So verdammt und verleumdet Calvin von der Kanzel aus Castellios Traktat, ohne persönlich seinen Inhalt zu kennen und, einer hinterlistigen Strategie folgend, beauftragt er seinen untergebenen Nachsprecher, Theodor de Beze, als Antwort darauf eine Streitschrift gegen jene neue Ketzerei zu verfassen, die er nach Castellios Pseudonym ‚Bellianismus’ nennt. De Beze geht in seinem Buch gegen Castellio noch leidenschaftlicher und aggressiver vor als sein Mentor: er behauptet, dass Gewissensfreiheit ein Teufelsdogma sei, dass Autorität vor Humanität herrschen müsse, und dass es unzulässig sei, eine persönliche Hermeneutik zu verteidigen, die die calvinische, die einzig wahre Exegese, in Zweifel ziehen würde. Doch de Beze will die calvinische Herrschaft sichern, indem er seinen Gegner auf besonders grausame Weise vernichtet, als warnendes Beispiel durch den Terror: er fordert den Autor jenes Traktats heraus, aus seinem Versteck heraus zu kommen und verlangt, dass dieser Fürsprecher der Toleranz als Ketzer behandelt wird: mit Folter und Tod auf dem Scheiterhaufen. Castellio nimmt die Herausforderung an und schreibt als Entgegnung – jetzt aber unter seinem Namen - seine Kampfschrift Contra libellum Calvini. Diese öffentliche Anklage macht, zusammen mit jener ersten Abhandlung, die erste Grundlage dessen aus, was wir heute die Charta der Menschenrechte nennen.
In diesem neuen Prozess gegen Calvin betont Castellio ausdrücklich, dass er nicht das Ziel verfolgt, eine Exegese gegen die andere zu verteidigen, sondern zu beweisen, dass Calvin einen Mord an Servet begangen habe. Zweig geht gründlich der Argumentation Castellios nach, die man in drei Fragen zusammenfassen kann: Welches Verbrechen hat Servet verübt? Welche Instanz ist dazu legitimiert, ihn zu richten? Auf welches Gesetz hat sich diese Instanz gestützt, um in religiösen Angelegenheiten zu richten und ein Todesurteil zu fällen, zumal der Verurteilte Ausländer ist?
Was die erste Frage angeht bedient sich Castellio Calvins eigener Worte, welcher behauptet, dass Servet „in kühner Weise das Evangelium entstellt habe und von einem unerklärlichen Verlangen nach Neuerungen getrieben gewesen sei“ (17) . Der Einwand, den Castellio gegen diese Behauptung macht, kann nicht überzeugender sein: Was sonst haben vor ihm die Väter des Protestantismus, Luther und selbst Calvin, getan? Worauf oder auf wen beruft sich Calvin, um andere zu richten, die wie er gehandelt haben? Was legitimiert Calvin zu behaupten, dass er allein die Bibel richtig deutet? Diese Fragen legen den Widerspruch des Genfer Theologen bloß und demaskieren ihn als Verräter des ursprünglichen protestantischen Geistes, der gerade die individuelle Deutungsfreiheit der Bibel beanspruchte, was zur Trennung von der katholischen Kirche führte. Calvin ist also am wenigsten dazu geeignet, ein Verhalten zu verurteilen, das einst sein eigenes gewesen war und das er als ein Recht für jederman gefordert hatte. Und als wäre dieses Argument nicht einleuchtend genug, zitiert Castellio noch die Worte aus dem Buch Calvins Institutio Religionis Christianae (1536), das kanonische Buch der protestantischen Lehre, wo er behauptet, dass es „verbrecherisch [ist], die Ketzer zu töten. Sie durch Eisen und Feuer zugrunde gehen zu lassen, hieße jedes Prinzip der Humanität verleugnen. (18)“ Dass Calvin sich seiner Inkohärenz bewusst war, geht aus der Tatsache hervor, dass er, nachdem er seine Macht durchgesetzt hatte, gerade diese Stelle in der zweiten Ausgabe seines Textes änderte.
Zur zweiten und dritten Frage bringt Castellio das Argument vor, dass keine Macht über Wahrheit oder Irrtum einer Meinung entscheiden darf, zumal es sich um religiöse Angelegenheiten handelt. Nur Gott sei dazu befugt. Calvin, der in Genf die staatliche und die religiöse Macht kontrollierte, ohne die erste offiziell auszuüben, habe sich die Freiheit genommen, sowohl in weltlichen als auch in geistigen Angelegenheiten zu richten und zu verurteilen und habe sich somit das Recht angemaßt, das nur Gott besitze. Calvin war es, der dem Genfer Magistrat den Prozess an Servet mit der Empfehlung überwies, ihn zum Scheiterhaufentod zu verurteilen. Als guter Kenner der Geschichte erinnert Castellio daran, dass die Apologie des Einheitsdenkens immer die Ursache des Blutvergießens war. Er lehnt entschieden Calvins Versuch ab, der, um sich zu rechtfertigen, sich auf das mosaische Gesetz stützt, das dazu aufforderte, Andersdenkende mit Feuer und Schwert auszurotten; das, so Castellio, bedeute nicht vernichten sondern exkommunizieren, und das sei eine priesterliche Angelegenheit. Niemals forderte Christus dazu auf zu töten. Die Wahrheit kann man verbreiten, nie aber auferlegen. Daraus schlussfolgert er: „Einen Menschen töten heißt niemals eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten. [...] man bekennt sich nicht zu seinem Glauben indem man einen andern Menschen verbrennt, sondern nur, indem man sich selbst für diesen Glauben verbrennen lässt.“ (19) Folgerichtig fällt er jetzt sein Urteil: Schuldig sind sowohl Calvin als auch der Magistrat, weil sie ihre Macht überschritten haben. Da der Mensch das Recht auf Gedankenfreiheit hat und sein eigenes Gewissen die letzte moralische Instanz ist, klagt er beide als Mörder an; den ersten, weil er ein Urteil in einer Angelegenheit gefällt hat, zu der er nicht befugt war. Der zweite habe eine doppelte Schuld auf sich beladen, weil er den Prozess sowohl in Gang gesetzt als auch vollstreckt hat:

Entweder hast du Servet hinrichten lassen, weil er das dachte, was er sagte, oder weil er seiner innern Überzeugung gemäß sagte, was er dachte. Wenn du ihn getötet hast, weil er seiner innern Überzeugung Ausdruck gab, dann hast du ihn um der Wahrheit willen getötet, denn die Wahrheit besteht darin, daß man, selbst wenn man im Irrtum ist, das ausspricht, was man denkt. (20)


3. Stefan Zweig: Utopie gegen Ambiguität

Man muss an dem Wiener Schriftsteller rühmen, dass er für die Nachwelt das Werk und die Figur Castellios vor der ungerechten Vergessenheit gerettet hat. Er war der erste, der die Gewissensfreiheit verteidigte, noch vor Locke, Hume und Voltaire und, wie Zweig bemerkt, sein Leben in einer viel schwierigeren Zeit riskierend (21). Castellio gegen Calvin hat den Beitrag geleistet, einem breiten Leserkreis diesen wertvollen Humanisten bekannt zu machen – Zweig war der meistgelesene Autor deutscher Sprache seiner Zeit -, aber das Buch ist noch heute ein wesentliches Referenzwerk für Castellioforscher. Zweig stimmte mit dem Humanisten vollkommen überein, er empfand großen Respekt sowohl für seine Ideen als auch für den Menschen, für seine entschiedene Stellungnahme und für die Kongruenz und Tapferkeit mit denen er bis zu seinem Lebensende kämpfte, als der Tod ihn unerwartet überraschte und so vor dem Brandpfahl rettete. Zweig, der, wie Erasmus, ein Fürsprecher der Konzilianz und der Neutralität war, verabscheute die Politik. Wahrscheinlich wollte er deswegen mit diesem Buch Zeugnis für ein modellhaftes Verhalten ablegen, das jedem Menschen als Beispiel dienen sollte. Wenn er in seinem zwei Jahre davor geschriebenen Essay über Erasmus behauptet hatte, dass er „etwas inneres Schicksal in einen Spiegel warf” (22) , beschrieb er in der Person Castellios nicht den Menschen, der er war, sondern den, „der ich sein möchte.” (23)
Doch gerade dass der Wiener Autor Castellio eine solche Achtung beimaß, macht es uns schwer, in seiner ideologischen und biographischen Laufbahn eine kohärente Linie zu erkennen. Nicht nur weil er dem Beispiel seines Idols nicht nachging – wer könnte es wagen, einen Menschen zu verurteilen, weil er in Terrorzeiten nicht aktiven Widerstand leistete? -, sondern wegen seiner Ideen über die Schuld, die Gerechtigkeit, die Politik, den Pazifismus und die Macht des Geistes. Als Zusammenfassung dieser Laufbahn seien von seinem umfangreichen Werk nur zwei seiner Texte erwähnt: die Legende Die Augen des ewigen Bruders (1922) und die Schachnovelle (1941). Im ersten lässt Zweig die Handlung in Indien spielen. Die Hauptperson, Virata, ein gütiger und ehrlicher Diener seines Königs, verfolgt als Lebensziel, ein gerechter Mensch zu sein und immer nach seinem Gewissen zu handeln, doch im Krieg tötet er unwissend seinen Bruder. Als er ihn unter den Toten erkennt, beschließt er, für immer auf Waffen zu verzichten, weil alle Menschen Brüder sind. In seinem zweiten Beruf als Richter kommt er zu dem Schluss, dass es unmöglich ist, Gerechtigkeit walten zu lassen, da derjenige, der das Urteil fällt, weder die Gründe des Angeklagten wirklich kennen kann, noch die von ihm auferlegte Strafe am eigenen Leib erfahren hat. Seine Entscheidung, von der Welt entfernt ein isoliertes Leben zu führen, erweist sich auch als ungeeignet, da andere dem Beispiel dieses frommen Mannes gefolgt sind und ihre Familien ungeschützt verlassen haben. Die beste Lösung sei also, nicht zu handeln, keine Entscheidung zu treffen, jemandem anderen zu dienen.
Die Lösung ist, wie man sieht, so unrealistisch wie ungerecht, vor allem weil der Herr, zu dessen Diensten sich Virata stellt, doch handeln und Entscheidungen treffen muss.
Einige Jahre später, als Klaus Mann im Exil Stefan Zweig um seine Mitarbeit für die von ihm herausgegebenen Emigrantezeitschrift Die Sammlung bittet, lehnt er mit dem Vorwand ab, den Faschismus müsse man mit der Literatur bekämpfen und nicht mit der Polemik über politische Aktualität (24). Diese Antwort wurde am 14. Oktober 1933 in dem Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel veröffentlicht und Zweig aus diesem Grund der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es ist schwer, sich eine solche Antwort von einem Mann vorzustellen, der drei Jahre später schrieb:

Weil Gewalttätigkeit sich in jedem Zeitalter in andern Formen erneu[er]t, muß auch der Kampf gegen sie immer wieder von den Geistigen erneuert werden; nie dürfen sie flüchten hinter den Vorwand, zu stark sei zur Stunde die Gewalt und sinnlos darum, sich ihr im Wort entgegenzustellen. Denn nie ist [...] die Wahrheit vergeblich. Auch wenn es nicht siegt, so erweist doch das Wort ihre ewige Gegenwart, [...]. (26)

Die Schachnovelle, sein letztes Fiktionswerk, kann man als Allegorie einer Enttäuschung verstehen. Die ideale Welt, von der Zweig geträumt und für deren Verwirklichung er gearbeitet hatte, war zugrunde gegangen: in der Schachpartie, die ein Emigrant und der Schachweltmeister spielen, gewinnt der Emigrant das erste Spiel, aber er verliert das zweite. Er gibt die Revanche auf, weil die Position der Figuren auf dem Schachbrett nicht den Positionen in seinem Kopf entsprechen. Das Thema der Novelle suggeriert die Konfrontation zwischen dem Geist und der absoluten Macht, und die Kapitulation des ersten vor dem zweiten: die Erkenntnis, dass der Geist vor der Macht kapitulieren muss, da er die Regel der neuen Welt nicht mehr versteht. Diese Deutung stimmt mit dem Titel und dem Inhalt von Zweigs Autobiographie, Die Welt von Gestern (1942), überein. Die Welt von Stefan Zweig gehörte der Vergangenheit an, und er war unfähig, in der Gegenwart seiner Zeit zu leben. In seinem brasilianischen Exil beging er 1942 Suizid. Doch sein wertvoller Nachlass blieb: die notwendige Utopie, die das menschliche Handeln leiten und den Weg des friedlichen Zusammenlebens aller Glaubensrichtungen zeigen soll.
Nach Castellios Tod haben andere sein Vermächtnis weitergeführt und den Bedürfnissen ihrer Zeit angepasst. Unsere Welt ist heute zu einem Ort geworden, wo die Menschen verschiedener Kulturen zusammenleben müssen. Der Dialog ist heute also so nötig wie noch nie. Doch, wie Castellio behauptete, kann ein Dialog nur zwischen Gleichberechtigten geführt werden, und in dieser Gleichberechtigung besteht gegenwärtig die größte Herausforderung. Der Theologe Xec Marquès fasst es treffend so zusammen:

Der Dialog, [...], ist möglich, wenn ich aus meinem Zuhause gehe und mich dem Zuhause des Anderen nähere. Er ist möglich, wenn jeder ein Zuhause hat. [...]. Doch wenn das nicht der Fall ist, weil man arm ist, weil dort, wo mein Zuhause sein sollte, der Mächtigere sein Zuhause aufgestellt hat, ist der Dialog unmöglich. (27)


ANMERKUNGEN

1. Hartmut Müller, Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlts Monographien), Reinbek bei Hamburg 1996, S. 74 und 85-86.
Hierzu siehe auch Arnold Bauer, Stefan Zweig (Köpfe des 20. Jahrhunderts, Bd. XXI), Berlin 1996, S. 45, der in Zweig eher einen Pessimisten als einen gläubigen Utopisten sieht.

2. Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt am Main 1994, wo von ‚Sturmgarde’, ‚Jungvolk’, ‚Ideologie’, ‚totalitär’, Gleichschaltung’‚ Diktatur’, oder ‚Geheimdiplomatie’ die Rede ist.

3. Besonders in seinen Biographien bediente Zweig sich des Psychogramms: er sah einen direkten Bezug zwischen der Physiognomie eines Menschen und seinem Charakter:
„Calvins Gesicht ist wie ein Karst, wie eine jener einsamen, abseitigen Felslandschaften, deren stummer Verschlossenheit nur Gott, aber nichts Menschliches gegenwärtig ist. Alles, was das Leben sonst fruchtbar, füllig, freudig, blühend, warm und sinnlich macht, fehlt diesem gütelosen, diesem trostlosen, diesem alterslosen Asketenantlitz. Alles ist hart und häßlich, eckig und unharmonisch in diesem düster-länglichen Oval: die enge und strenge Stirn, unter der zwei tiefe und übernächtigte Augen wie glimmende Kohlen flackern, die scharfe hakige Nase, herrschsüchtig vorgestoßen zwischen eingefallenen Wangen, der schmale, wie mit einem Messer geschnittene Mund, den selten jemand lächeln gesehen. Kein warmes Inkarnat leuchtet auf der eingesunkenen, trockenen, aschfarbenen, ausgedörrten Haut; es ist, als ob ein inneres Fieber vampirisch das Blut aus den Wangen gesogen hätte, so grau falten sie sich, so krank und fahl, außer in den kurzen Sekunden, da sie der Zorn mit hektischen Flecken überflammt. [...].” Ibid., S. 47.
Nicht nur in diesem Buch bezog sich Zweig auf die politische Situation seiner Zeit. Mit seiner Biographie Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen, (1929) warnte er vor der unmittelbaren Gefahr, die Europa wegen der als Konsequenz des Ersten Weltkrieges unstabilen Politik drohte und die sich in der Entstehung neuer reaktionärer nationalistischer Gruppierungen in Italien, Deutschland und Österreich manifestierte – Gruppierungen, die immer mächtiger wurden. Auch hier versuchte der Autor, einen prototypischen Charakter des Politikers darzustellen, den er für das Synonym eines Dogmatikers hielt. (Siehe Stefan Zweig, Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen, Frankfurt/Main, 1986, S.13).

4. Wenngleich Stefan Zweig bei seiner Arbeit die historischen Quellen gründlich erforschte (Siehe Bauer, Stefan Zweig, op. cit., S. 49), betont sein Biograph Hartmut Müller, dass der Autor manche positiven Charakterzüge Calvins außer Acht ließ und nur diejenigen Aspekte seiner Persönlichkeit wählte, die ihn in Bezug auf sein Ziel interessierten: den Nationalsozialismus als Unterdrücker der Geistesfreiheit anzuklagen: „ [...] Calvin war nicht nur ein Zuchtmeister mit der eisernen Rute, ein finsterer Zelot, ein Fanatiker mit blutverschmierten Händen. Er war der anerkannte Reformator Westeuropas, der die Einheit aller Reformierten begründete. Als Ökumeniker suchte er die Einheit mit den Lutheranern und selbst mit Rom. Als universaler Geist trug er bei zur Entwicklung der modernen Welt und zur Entstehung der modernen Demokratie. Zweig ordnete seine Darstellung einem ganz bestimmten Ziel unter, der Verbreitung seiner literarisch verkleideten Anklage gegen die Versklavung des freien Geistes im nationalsozialistischen Deutschland.” (Müller, Stefan Zweig, op. cit., S. 101).

5. Müller, op. cit. S. 74.

6. In einem Brief vom 24. Januar 1917 an den Fürsprecher des Sionismus Martin Buber schrieb Zweig: „Nie habe ich mich durch das Judentum in mir so frei gefühlt als jetzt in der Zeit des nationalen Irrwahns - und von Ihnen und den Ihren - trennt mich nur dies, daß ich nie wollte, daß das Judentum wieder Nation wird und damit sich in die Concurrenz der Realitäten erniedrigt. Daß ich die Diaspora liebe und bejahe als den Sinn seines Idealismus, als seine weltbürgerliche allmenschliche Berufung. Und ich wollte keine andere Vereinung als im Geist...”, Brief an Martin Buber, VIII. Kochgasse 8 Wien, 24 Januar 1917, in: Richard Friedenthal (Hg.), Stefan Zweig: Briefe an Freunde, Frankfurt am Main 1984, S. 68, zitiert nach Müller, Stefan Zweig, op. cit., S. 63.

7. Darauf bezogen erwähnt Müller einen Artikel, der Zweig im Frühling 1911 schrieb, als er von einer Reise in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, und der in der Neue Freie Presse herausgegeben wurde. (Ibid, S. 49).
Zu Zweigs Optimismus siehe auch das 8. Kapitel seiner Autobiographie Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers (1941), „Glanz und Schatten über Europa”.
In seiner Monographie über Emile Verhaeren, einer Studie seines bewunderten Dichters und Freunds, schreibt Zweig: „Die Götter werden zu Menschen werden, das äußere Schicksal wird zurückkehren in ihre Brust, die Heiligen werden nur mehr ihre Brüder sein, und das Paradies die Erde selbst.”, zitiert nach Müller, Ibid., S. 51.
In seinem Theaterstück Tersites (1907) stellt Zweig den Nationalismus als eine Krankheit dar, die man bekämpfen muss. Sie ist dort verantwortlich für die Konfrontation zwischen den Völkern, für den Krieg und für den Tod vieler Menschen.

8. Stefan Zweig, „Tersites, Jeremias. Zwei Dramen”, in: Knut Beck (Hg.) Gesammelte Werke in Einzelbänden, Frankfurt am Main 1992, S. 327.

9. „Denn hier geht es nicht um ein enges Theologicum, nicht um den einen Menschen Servet und nicht einmal um die entscheidende Krise zwischen dem liberalen und orthodoxen Protestantismus: in dieser entschlossenen Auseinandersetzung ist eine viel weitläufigere, eine überzeitliche Frage aufgeworfen, [...], ein Kampf ist eröffnet, der unter anderen Namen und anderen Formen immer neu wird ausgekämpft werden müssen. [...]. Gleichgültig, wie man die Pole dieser ständigen Spannung benennen will - ob Toleranz gegen Intoleranz, Freiheit gegen Bevormundung, Humanität gegen Fanatismus, Individualität gegen Mechanisierung, das Gewissen gegen die Gewalt -, alle diese Namen drücken im Grunde eine letzte allerinnerlichste und persönlichste Entscheidung aus, was wichtiger sei für jeden einzelnen - das Humane oder das Politische, das Ethos oder der Logos, die Persönlichkeit oder die Gemeinsamkeit.” (Zweig, Castellio gegen Calvin, op.cit. S. 12-13).

10. Ibid., S. 13.

11. Sebastian Castellio, zitiert nach Zweig, Ibid., S. 135.

12. Zweig, Castellio gegen Calvin., op. cit., S. 152.

13. In diesem Zusammenhang und in einem anderen Kontext betont Zweig die Bescheidenheit Castellios, der, im Vorwort seiner Bibelübersetzung, die Leser auf die Schwierigkeit der Deutung der Heiligen Schrift hinwies und darauf, dass er sich bei manchen Stellen auch im Zweifel war. (Siehe Zweig, Ibid., S. 80).

14. Zweig, Ibid., S. 151.

15. Zweig, Ibid., S. 156.

16. Zweig, Ibid., S. 157.

17. Zweig, Ibid., S. 170.

18. Zweig, Ibid., S. 174.

19. Zweig, Ibid., S. 177.

20. Zweig, Ibid., S. 179.

21. Zweig, Ibid, S.18.

22. Brief an Rudolf Kayser, London, 30. November 1933, in Erich Fitzbauer (Hg.), Stefan Zweig, Spiegelungen einer schöpferischen Persönlichkeit, Wien 1959, S. 75, zitiert nach Müller, Stefan Zweig, op. cit., S.102.

23. Brief an Joseph Roth (undatiert, vermutlich Herbst 1937), in Friedenthal (Hg.), op. cit., S. 286, zitiert nach Müller, op. cit., S. 102.

24. In einem Privatbrief an seinen Freund und Verleger Kippenberg, zitiert nach Müller, op.cit., S. 98.

25. Müller, Ibid., S. 99.

26. Zweig, Castellio gegen Calvin, op. cit., S. 160.

27. Privatkorrespondenz (Brief vom 4.3.2008) mit dem Theologen Xec Marquès, Dozent der Theologie in Schwarzafrika.


(Anna Rossell, "Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder: Ein Gewissen gegen die Gewalt", in Bernd F. W. Springer, Alexander Fidora (Hrsg.), Religiöse Toleranz im Spiegel der Literatur. Eine Idee und ihre ästhetische Gestaltung, Lit Verlag, (Literatur Forschung und Wissenschaft, Bd. 18), Wien, 2009, S. 257-268)

Acaba de salir ahora mismo un libro sobre el tema de la tolerancia religiosa en la literatura. No sólo en la literatura alemana, sino en la literatura en general. Pero el libro en cuestión sí está escrito en lengua alemana:


Bernd F. W. Springer, Alexander Fidora (Hrsg.), Religiöse Toleranz im Spiegel der Literatur. Eine Idee und ihre ästhetische Gestaltung Anna Rossell, "Stefan Zweig. Castellio gegen Calvin oder: Ein Gewissen gegen die Gewalt", Lit Verlag, Wien, 2009, (Literatur Forschung und Wissenschaft, Bd. 18).
Veinticuatro autor@s, filólogos y teólogos de diversas Universidades europeas analizan el tema de la tolerancia religiosa en algunas obras de la literatura universal.

Mi contribución en este libro hace referencia al tratamiento de la tolerancia que el autor austriaco Stefan Zweig hace en su obra: Castellio contra Calvino. Conciencia contra violencia:

Anna Rossell, "Stefan Zweig. Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt", pp. 257-268.

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Anna Rossell, Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Anna Rossell,

Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt


1. „Castellio gegen Calvin“ im Rahmen von Zweigs Biographie und seinem ideologischen Horizont

Stefan Zweig (1881-1942) war bekanntlich ein Meister des psychologischen Porträts. Sein Werk ist voller Studien von Persönlichkeiten zwischen Biographie und historischer Fabel. Der symptomatische Titel der Reihe, unter dem seine bekanntesten Essays veröffentlich wurden, Baumeister der Welt, offenbart die Absicht des Autors, die Ideen der Schriftsteller zu verbreiten, die er für die wertvollsten und einflussreichsten seiner Zeit hielt. Er nahm sich damit das Projekt vor, zum Bau eines vereinten Europas beizutragen, das, durch die Kraft des Geistes brüderlich verbunden, in Frieden lebte, einer Utopie, die Zweig bis zu seinem Lebensende verfolgte (1).
Nach den grauenerregenden Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, publiziert Zweig im Jahr 1922 Drei Meister (Balzac, Dickens, Dostojewski), 1925 Der Kampf mit dem Dämon (Hölderlin, Kleist, Nietzsche) und 1928 Drei Dichter ihres Lebens (Casanova, Stendhal, Tolstoi). In dieser Arbeitslinie und der politisch-sozialen Entwicklung der Zeit entsprechend, die keinen Zweifel an der diktatorischen und terroristischen Natur der nationalsozialistischen Regierung ließ – die Nürnberger Gesetze, auf die das Naziregime seine antisemitische Politik stützte, wurden 1935 erlassen -, veröffentlicht der österreichische Jude Stefan Zweig im Jahr 1934 Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, ein Portrait des Humanisten und Gelehrten, den der Autor dem seines Widersachers Luther entgegensetzte. In diesem Jahr macht sich die hohe politische Temperatur auf der Straße bemerkbar: das Haus des pazifistischen Schriftstellers wird nach Waffen durchsucht, und aufgrund dieser Vergewaltigung seiner Intimität und der Gefahr, die ihm droht, beschließt Zweig, Österreich zu verlassen und endgültig nach London umzuziehen. Dort veröffentlicht er 1936 Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt.
Dieses Werk gehört zur Exil-Literatur in deutscher Sprache, die von den aus Deutschland und Österreich ausgewiesenen Schriftstellern verfasst wurde. Alle haben einen gemeinsamen Nenner: sie nehmen indirekt Bezug auf die Greuel des Nazionalsozialismus und beabsichtigen, ihn zu entschleiern und dazu Stellung zu nehmen, ohne die Hoffnung zu verlieren, dass ein Echo ihres Werkes diejenigen erreicht, die im Innern des Landes jene Tyrannei am eigenen Leib erleiden müssen. Die Exilliteratur bedient sich also einer verschleierten Sprache, pflegt den historischen Roman und die Parabel, um ihre Aktualität zu vergegenwärtigen, ohne sie konkret zu nennen. Indem sie die Handlung in die Vergangenheit versetzt, erreicht sie den nötigen brechtschen Verfremdungseffekt, der dem Leser ermöglicht, den Symptomenkomplex zu erkennen, der sich jetzt so ähnlich wiederholt, wie er sich damals schon einmal zeigte.
Zweig bildet keine Ausnahme. Es ist kein Zufall, dass er sich gerade in jenen Jahren mit diesen beiden historischen Persönlichkeiten befasst, dem Humanisten Castellio und dem Diktator Calvin, die im 16. Jahrhundert eine wesentliche und heftige Kontroverse über die Gewissensfreiheit austrugen, und dass er sie zu universellen Archetypen zweier entgegengesetzter und unversöhnlicher Positionen erhebt, die sich zyklisch in der Geschichte wiederholen: die fanatische Mentalität, despotisch und unduldsam, und die gemäßigte, respektvolle und zum Dialog bereite Haltung.
Zweifellos hatte sich Zweig vorgenommen, einen Parallelismus herzustellen zwischen dem von der calvinischen Reform veranlassten Terror und der nationalsozialistischen Diktatur. Diese Absicht geht nicht nur aus dem von ihm gewählten Moment hervor, dieses Buch zu schreiben, sondern auch aus manchen in sein Buch eingewobenen Begriffen nazionalsozialistischer Prägung (2) und sogar aus den psychischen und physichen Zügen, mit denen Zweig Calvin charakterisiert (3). Doch die häufigen Reflexionen, die Zweig der Geschichte widmet und regelmäßig in sein Werk streut, um daraus verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen, seine entschiedene Stellungnahme für Castellio, sowie den Abscheu, den er vor Calvin empfindet, geben Anlass zu denken, dass dieses Buch dem Wiener Schriftsteller noch mehr bedeutet: Zweig nimmt sich vor, den zu Unrecht sogar noch heute unter Gelehrten kaum bekannten Castellio aus der Vergessenheit zu retten und seine Gedanken und sein heroisches Verhalten zu verbreiten, um der Welt seinen unbezahlbaren Beitrag zum Humanismus bekannt zu geben. Zweig, der die Kunst der psychologischen Introspektion seiner Charaktere beherrscht, versteht es, die Züge seiner Personen so zu stilisieren, dass es ihm gelingt, nicht das Porträt zweier Individuen zu schildern, sondern jeweils die universelle Quintessenz des Fanatismus und des Humanismus (4).
Diese entschiedene Verteidigung der Gewissens- und Meinungsfreiheit gegen die Tyrannei, die den Geist vergewaltigt und versklavt, stimmt absolut mit der dezidierten pazifistischen Überzeugung Zweigs überein, der, von seinem Freund Romain Roland und den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges beeinflusst, nicht nur den Krieg verabscheute, sondern allen Auseinandersetzungen intellektueller oder politischer Art aus dem Weg ging und radikale Stellungnahmen zu meiden suchte. Er, der nie ein politischer Mensch war und sich nie für Politik interessierte, verstand sich selbst als Mittler zwischen Parteien und verfolgte mit seinen Essays das Ideal, zu jenem erträumten supranationalen Europa beizutragen, das, einmal die Differenzen beigelegt, die zum Großen Krieg geführt hatten, durch den Geist und die Kultur brüderlich vereint, einer gemeinsamen Zukunft entgegensehen würde, wo jeder Mensch über sein Schicksal frei entscheiden könnte (5). Zweig sah in der Diaspora des jüdischen Volkes, in seiner kulturellen und linguistischen Vielfalt und in seiner nationalen Entwurzelung, eine Gelegenheit, um dieses Ideal der Konfluenz aller Menschen im Geist, von Nationalismen befreit, zu verwirklichen und er hielt den Sionismus und die Gründung eines jüdischen Staates für eine Verfehlung dieser historischen Mission (6). Von einem blinden Vertrauen auf die menschliche Vernunft und einem unrealistischen Optimismus getrieben, assoziierte er den technischen Fortschritt mit dem Triumph des Geistes über die Barbarei und interpretierte diese Entwicklung als einen Fortschritt ohne Rückkehr in die finsteren Zeiten der Vergangenheit (7).


2. Calvin und Castellio als Archetypen des Diktators und des Humanisten

Zweig, der schon 1916 in seinem Theaterstück Jeremias schrieb: „Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist” (8) , entschiedener Fürsprecher der Gedankenfreiheit, konnte nicht stumm zusehen, wie der Nationalsozialismus systematisch dieses universale Menschenrecht verletzte. In Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt (1936) erhebt er seine Stimme gegen diese Vergewaltigung. Ausgehend vom historischen Prozess gegen den spanischen Arzt und Theologen Miguel Servet, der von Calvin 1553 verfolgt, gemartert und, wegen Ketzerei beschuldigt, zum Scheiterhaufen verurteilt wurde, klagt er ein solches Vorgehen an. Servets Hinrichtung, die erste, die die Reform vollstreckte, stieß sogar unter lutheranischen Kreisen auf erheblichen Protest, wenn auch diese Kritik nicht öffentlich zum Ausdruck kam und ohne Konsequenzen blieb. Erst nach dieser Hinrichtung, nachdem Calvin seine theokratische Diktatur in Genf gesichert hatte und der Genfer Reformator von der ganzen protestantischen Welt als Fähnrich der Vereinigung der Sektenzersplitterung gegen die Kirche Roms anerkannt war, beschließt Castellio, angesehener Theologe und Humanist, gegen die Verbreitung der Barbarei zu kämpfen und verfasst sein Buch De haereticis (1554).
Um seine eigene Integrität und den kleinen Kreis seiner Befürworter zu schützen, publiziert er die Schrift aus seinem Bernschen Exil unter dem Pseudonym Martin Bellius und lässt als Namen des Druckorts statt Basel Magdeburg angeben. Als Reaktion gegen den Mord an Servet schreibt er wenig später Contra libellum Calvini – das aus Zensurgründen erst fast ein Jahrhundert nach dem Tode des Autors zum Druck gelangen konnte -, eine Gegenrede zu Calvins Verteidigung des rechten Glaubens und der Dreieinigkeit gegen die fürchterlichen Irrtümer Servets, eine apologetische Schrift, in der Calvin seine Tat gegen Servet zu rechtfertigen versuchte.
Die Einleitung zu De haereticis geht dem machiavelischen Vorgehen Calvins gegen Servet nach und formuliert, Schritt für Schritt - als würde es sich um ein Gericht handeln, in dem Castellio gleichzeitig als Anwalt des Angeklagten und Ankläger Calvins fungiert - mit stichhaltiger Beweisführung die wesentlichen Fragen, um der Welt zu beweisen, dass der Tod Servets ein Mord war und dessen Anstifter und Richter dementsprechend Mörder waren.
Die Bewunderung, die Zweig diesem tapferen Heros zollt, den er einen wirklich freien Menschen nennt, da er sich keiner Macht und keiner Partei außer seinem eigenen Gewissen beugt, der als Einziger um des humanistischen Ideals willen sein Leben riskiert, geht aus der Bedeutung hervor, die er Castellios Text beimisst: er bezeichnet ihn als historisches Dokument universaler Gültigkeit und betitelt das Kapitel, das er in seinem Buch diesem Text widmet als „Das Manifest der Toleranz” (9).
Castellios Schrift bedeutet dem Wiener Autor eine Reflexion über die Koexistenz von Freiheit und Autorität - zwei entgegengesetzten, aber notwendigen Polen - und über die Aufgabe zu vermeiden, dass die eine zur Ausschweifung und die andere zur Tyrannei degeneriert: „Diese immer wieder notwendige Abgrenzung zwischen Freiheit und Autorität bleibt keinem Volke, keiner Zeit und keinem denkenden Menschen erspart: denn Freiheit ist nicht möglich ohne Autorität (sonst wird sie zum Chaos) und Autorität nicht ohne Freiheit (sonst wird sie zur Tyrannei).“ (10)
Zweig beginnt sein Kapitel mit einem Zitat Castellios, das das Wesentliche seiner Verteidigungsschrift zusammenfasst: „Die Wahrheit zu suchen und sie zu sagen, wie man sie denkt, kann niemals verbrecherisch sein. Niemand darf zu einer Überzeugung gezwungen werden. Die Überzeugung ist frei.” (11)
Ein erhebliches Verdienst Castellios ist es, dass er die Beweisführung, auf der seine Anklage gegen Calvin wegen Verdammung eines Menschen zum Scheiterhaufen beruht, auf den Widersprüchen der Argumentation und der Vorgehensweise seines Gegners zu begründen weiß. Und sein Verdienst ist es auch, ans Tageslicht zu bringen, dass die Methoden der Fanatiker im Laufe der Geschichte immer dieselben gewesen sind: Verleumdung, Verachtung und Vernichtung und dass nur die jeweils dafür angegebenen Gründe wechseln. Wissend, dass die Macht in jeder Epoche jeweils eine schwache Minderheit findet, auf die sie ihren Hass entlädt, warnt er auch vor der Gefahr der paranoiden Verfolgung, die jede Etikettierung der Menschen entfesseln kann. Ausgehend von der Verurteilung Servets, der als Ketzer angeklagt wurde, stellt Castellio die erste Frage: Was man unter Ketzer verstehe und ob es statthaft sei, jemanden wegen Ketzerei zu verfolgen. Da Calvin, um diese Verfolgung zu rechtfertigen, sich auf die Bibel bezogen hatte, verweist Castellio – Protestant wie Calvin - auf dieselbe Quelle und er findet keinen Bezug auf diesen Begriff, nur ist dort die Rede von der Bestrafung der Gottesleugner. Auf keinen Fall aber war Servet ein Gottesleugner, da er, als er verbrannt wurde, flehentlich Gott anrief und überzeugter Gläubiger war. Und mehr noch: Ketzer können niemals Gotteslästerer sein, da gerade diejenigen, die Calvin Ketzer nennt, die einzig wirklichen Christen zu sein behaupten. Und er schlussfolgert:

Da niemals ein Türke, ein Jude, ein Heide Ketzer genannt wird, muß Ketzerei ausschließlich ein Delikt innerhalb des Christentums sein. Also neue Formulierung: Ketzer sind diejenigen, die - obzwar Christen - nicht dem ‚wahren’ Christentum anhängen, sondern eigenwillig in verschiedenen einzelnen Punkten von der ’richtigen’ Auffassung abweichen. (12)

Es stellt sich also die Frage, welche von den vielen christlichen Exegesen die echte ist. Und weil sie alle für sich die Authentizität beanspruchen – eine Haltung, die Castellio für arrogant hält -, wird diese Annahme ad absurdum geführt. Weil bei der Deutung der Heiligen Schrift niemand der Möglichkeit zu irren entgehen kann, ist nur gegenseitige Toleranz möglich (13). Der Begriff ‚Ketzertum’ ist dementsprechend ein relativer, und die Benennungen ‚Märtyrer’ und ‚Ketzer’sind, abhängig vom Gesichtspunkt, austauschbar. Und er fragt weiter: kann man Gedanken - die intimsten Überzeugungen eines Menschen - überhaupt richten und verurteilen, als handelte es sich um ein Gemeindelikt? Und selbst wenn man es könnte, wer wäre dazu legitimiert?
Eine zweite Grundsäule, auf die Castellio seine Streitschrift stützt, ist die Trennung von weltlicher und religiöser Macht. Calvin hatte die Bibel „als das einzig gültige Gesetzbuch” durchgesetzt (14). Und da die weltliche Macht es gewesen war - wenn auch von Calvin dazu angetrieben -, die Servet verurteilte, verweist der Humanist auf die Worte Christi im Neuen Testament: „Gib Cäsar, was des Cäsars, und Gott, was Gottes ist“. Doch selbst wenn die kirchliche Macht Befugnisse in religiösen Angelegenheiten hat, sollte sie niemals über die persönliche Überzeugung eines Menschen richten. Dies zu tun hieße, das unantastbare Recht auf Gewissensfreiheit zu vergewaltigen. Da dem Begriff ‚Individuum’ eine eigene Ansicht inhärent ist, kann man sich nicht anmaßen, die verschiedenen Glaubensrichtungen auf Befehl gleichzuschalten. Folgerichtig fordert Castellio zum gegenseitigen Respekt auf als dem einzig möglichen Weg zu friedlichem Zusammenleben und zum Dialog. Die wirkliche Humanität impliziere den Willen zur Konzilianz. Wenn der individuelle Glaube der menschlichen Natur inhärent ist, wie kann ein Mensch wegen seines Glaubens angeklagt werden? Wer ist für seinen eigenen Glauben verantwortlich? Castellio kehrt dann die Richtung der Beschuldigung um: nicht der angebliche Ketzer ist schuldig, sondern der Fanatismus und die Intoleranz. Als überzeugter Christ und guter Kenner der Bibel weiß und behauptet er, „wenn Christus hier gegenwärtig wäre, niemals würde er euch raten, jene zu töten, die seinen Namen bekennen, selbst wenn sie in irgendeiner Einzelheit irrten oder falsche Wege gingen...“ (15). Diese Behauptung impliziert, dass nicht nach dem Geist des Christentums handelt, wer intolerant ist, denn Intoleranz ist Verrat an seinem Wesen, genauso wie auch die Überheblichkeit des Intoleranten das Christentum verrät, denn, indem der Intolerante sich anmaßt, den einzig wahren Glauben zu vertreten, behandelt er seinen Gegner als Untersetzten und Unwissenden, und nicht als Gleichberechtigten, wie es die christliche Tugend der Bescheidenheit fordert. Darin bestehe der Unterschied zwischen dem Dogmatiker und dem Toleranten. Religion wird nicht bewiesen „durch mitfühlende Liebe, nicht durch äußerliche Gebräuche, sondern durch innerlichen Herzensdienst“. (16)
Dass Castellio in seiner Charakterisierung des Dogmatikers recht hat, zeigt gerade die wütende Reaktion Calvins, der hinter dem Pseudonym und trotz der Fälschung des Verlagsortes den Verfasser Castellio erahnt und sofort die entsprechenden Maßnahmen ergreift, damit das Buch nicht in die Öffentlichkeit gelangt.
Ebenso wie die Einführung zu der Schrift De haereticis, die, sich auf einen konkreten Fall berufend, zu einem universalen Manifest der Toleranz erhoben wird, kann man auch Castellios Beobachtungen über Calvins Persönlichkeit - die sich Zweig zu eigen macht und denen gegenüberstellt, die er selber an Castellios Wesen beobachtet - jeweils als zwei allgemeingültige Radiographien betrachten: die des totalitären und des humanistischen Charakters. Es gehört also zum Typ des Fanatikers, dass er, wie Calvin, um jeden Preis repressive Maßnahmen gegen jede Meinung ergreift, die von der seinen abweicht, dass er seinen Hass gegen diejenigen richtet, die sich anmaßen, sie zu äußern und dass er sich ihre Zerstörung vornimmt, damit einzig und allein seine Macht herrscht. So verdammt und verleumdet Calvin von der Kanzel aus Castellios Traktat, ohne persönlich seinen Inhalt zu kennen und, einer hinterlistigen Strategie folgend, beauftragt er seinen untergebenen Nachsprecher, Theodor de Beze, als Antwort darauf eine Streitschrift gegen jene neue Ketzerei zu verfassen, die er nach Castellios Pseudonym ‚Bellianismus’ nennt. De Beze geht in seinem Buch gegen Castellio noch leidenschaftlicher und aggressiver vor als sein Mentor: er behauptet, dass Gewissensfreiheit ein Teufelsdogma sei, dass Autorität vor Humanität herrschen müsse, und dass es unzulässig sei, eine persönliche Hermeneutik zu verteidigen, die die calvinische, die einzig wahre Exegese, in Zweifel ziehen würde. Doch de Beze will die calvinische Herrschaft sichern, indem er seinen Gegner auf besonders grausame Weise vernichtet, als warnendes Beispiel durch den Terror: er fordert den Autor jenes Traktats heraus, aus seinem Versteck heraus zu kommen und verlangt, dass dieser Fürsprecher der Toleranz als Ketzer behandelt wird: mit Folter und Tod auf dem Scheiterhaufen. Castellio nimmt die Herausforderung an und schreibt als Entgegnung – jetzt aber unter seinem Namen - seine Kampfschrift Contra libellum Calvini. Diese öffentliche Anklage macht, zusammen mit jener ersten Abhandlung, die erste Grundlage dessen aus, was wir heute die Charta der Menschenrechte nennen.
In diesem neuen Prozess gegen Calvin betont Castellio ausdrücklich, dass er nicht das Ziel verfolgt, eine Exegese gegen die andere zu verteidigen, sondern zu beweisen, dass Calvin einen Mord an Servet begangen habe. Zweig geht gründlich der Argumentation Castellios nach, die man in drei Fragen zusammenfassen kann: Welches Verbrechen hat Servet verübt? Welche Instanz ist dazu legitimiert, ihn zu richten? Auf welches Gesetz hat sich diese Instanz gestützt, um in religiösen Angelegenheiten zu richten und ein Todesurteil zu fällen, zumal der Verurteilte Ausländer ist?
Was die erste Frage angeht bedient sich Castellio Calvins eigener Worte, welcher behauptet, dass Servet „in kühner Weise das Evangelium entstellt habe und von einem unerklärlichen Verlangen nach Neuerungen getrieben gewesen sei“ (17) . Der Einwand, den Castellio gegen diese Behauptung macht, kann nicht überzeugender sein: Was sonst haben vor ihm die Väter des Protestantismus, Luther und selbst Calvin, getan? Worauf oder auf wen beruft sich Calvin, um andere zu richten, die wie er gehandelt haben? Was legitimiert Calvin zu behaupten, dass er allein die Bibel richtig deutet? Diese Fragen legen den Widerspruch des Genfer Theologen bloß und demaskieren ihn als Verräter des ursprünglichen protestantischen Geistes, der gerade die individuelle Deutungsfreiheit der Bibel beanspruchte, was zur Trennung von der katholischen Kirche führte. Calvin ist also am wenigsten dazu geeignet, ein Verhalten zu verurteilen, das einst sein eigenes gewesen war und das er als ein Recht für jederman gefordert hatte. Und als wäre dieses Argument nicht einleuchtend genug, zitiert Castellio noch die Worte aus dem Buch Calvins Institutio Religionis Christianae (1536), das kanonische Buch der protestantischen Lehre, wo er behauptet, dass es „verbrecherisch [ist], die Ketzer zu töten. Sie durch Eisen und Feuer zugrunde gehen zu lassen, hieße jedes Prinzip der Humanität verleugnen. (18)“ Dass Calvin sich seiner Inkohärenz bewusst war, geht aus der Tatsache hervor, dass er, nachdem er seine Macht durchgesetzt hatte, gerade diese Stelle in der zweiten Ausgabe seines Textes änderte.
Zur zweiten und dritten Frage bringt Castellio das Argument vor, dass keine Macht über Wahrheit oder Irrtum einer Meinung entscheiden darf, zumal es sich um religiöse Angelegenheiten handelt. Nur Gott sei dazu befugt. Calvin, der in Genf die staatliche und die religiöse Macht kontrollierte, ohne die erste offiziell auszuüben, habe sich die Freiheit genommen, sowohl in weltlichen als auch in geistigen Angelegenheiten zu richten und zu verurteilen und habe sich somit das Recht angemaßt, das nur Gott besitze. Calvin war es, der dem Genfer Magistrat den Prozess an Servet mit der Empfehlung überwies, ihn zum Scheiterhaufentod zu verurteilen. Als guter Kenner der Geschichte erinnert Castellio daran, dass die Apologie des Einheitsdenkens immer die Ursache des Blutvergießens war. Er lehnt entschieden Calvins Versuch ab, der, um sich zu rechtfertigen, sich auf das mosaische Gesetz stützt, das dazu aufforderte, Andersdenkende mit Feuer und Schwert auszurotten; das, so Castellio, bedeute nicht vernichten sondern exkommunizieren, und das sei eine priesterliche Angelegenheit. Niemals forderte Christus dazu auf zu töten. Die Wahrheit kann man verbreiten, nie aber auferlegen. Daraus schlussfolgert er: „Einen Menschen töten heißt niemals eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten. [...] man bekennt sich nicht zu seinem Glauben indem man einen andern Menschen verbrennt, sondern nur, indem man sich selbst für diesen Glauben verbrennen lässt.“ (19) Folgerichtig fällt er jetzt sein Urteil: Schuldig sind sowohl Calvin als auch der Magistrat, weil sie ihre Macht überschritten haben. Da der Mensch das Recht auf Gedankenfreiheit hat und sein eigenes Gewissen die letzte moralische Instanz ist, klagt er beide als Mörder an; den ersten, weil er ein Urteil in einer Angelegenheit gefällt hat, zu der er nicht befugt war. Der zweite habe eine doppelte Schuld auf sich beladen, weil er den Prozess sowohl in Gang gesetzt als auch vollstreckt hat:

Entweder hast du Servet hinrichten lassen, weil er das dachte, was er sagte, oder weil er seiner innern Überzeugung gemäß sagte, was er dachte. Wenn du ihn getötet hast, weil er seiner innern Überzeugung Ausdruck gab, dann hast du ihn um der Wahrheit willen getötet, denn die Wahrheit besteht darin, daß man, selbst wenn man im Irrtum ist, das ausspricht, was man denkt. (20)


3. Stefan Zweig: Utopie gegen Ambiguität

Man muss an dem Wiener Schriftsteller rühmen, dass er für die Nachwelt das Werk und die Figur Castellios vor der ungerechten Vergessenheit gerettet hat. Er war der erste, der die Gewissensfreiheit verteidigte, noch vor Locke, Hume und Voltaire und, wie Zweig bemerkt, sein Leben in einer viel schwierigeren Zeit riskierend (21). Castellio gegen Calvin hat den Beitrag geleistet, einem breiten Leserkreis diesen wertvollen Humanisten bekannt zu machen – Zweig war der meistgelesene Autor deutscher Sprache seiner Zeit -, aber das Buch ist noch heute ein wesentliches Referenzwerk für Castellioforscher. Zweig stimmte mit dem Humanisten vollkommen überein, er empfand großen Respekt sowohl für seine Ideen als auch für den Menschen, für seine entschiedene Stellungnahme und für die Kongruenz und Tapferkeit mit denen er bis zu seinem Lebensende kämpfte, als der Tod ihn unerwartet überraschte und so vor dem Brandpfahl rettete. Zweig, der, wie Erasmus, ein Fürsprecher der Konzilianz und der Neutralität war, verabscheute die Politik. Wahrscheinlich wollte er deswegen mit diesem Buch Zeugnis für ein modellhaftes Verhalten ablegen, das jedem Menschen als Beispiel dienen sollte. Wenn er in seinem zwei Jahre davor geschriebenen Essay über Erasmus behauptet hatte, dass er „etwas inneres Schicksal in einen Spiegel warf” (22) , beschrieb er in der Person Castellios nicht den Menschen, der er war, sondern den, „der ich sein möchte.” (23)
Doch gerade dass der Wiener Autor Castellio eine solche Achtung beimaß, macht es uns schwer, in seiner ideologischen und biographischen Laufbahn eine kohärente Linie zu erkennen. Nicht nur weil er dem Beispiel seines Idols nicht nachging – wer könnte es wagen, einen Menschen zu verurteilen, weil er in Terrorzeiten nicht aktiven Widerstand leistete? -, sondern wegen seiner Ideen über die Schuld, die Gerechtigkeit, die Politik, den Pazifismus und die Macht des Geistes. Als Zusammenfassung dieser Laufbahn seien von seinem umfangreichen Werk nur zwei seiner Texte erwähnt: die Legende Die Augen des ewigen Bruders (1922) und die Schachnovelle (1941). Im ersten lässt Zweig die Handlung in Indien spielen. Die Hauptperson, Virata, ein gütiger und ehrlicher Diener seines Königs, verfolgt als Lebensziel, ein gerechter Mensch zu sein und immer nach seinem Gewissen zu handeln, doch im Krieg tötet er unwissend seinen Bruder. Als er ihn unter den Toten erkennt, beschließt er, für immer auf Waffen zu verzichten, weil alle Menschen Brüder sind. In seinem zweiten Beruf als Richter kommt er zu dem Schluss, dass es unmöglich ist, Gerechtigkeit walten zu lassen, da derjenige, der das Urteil fällt, weder die Gründe des Angeklagten wirklich kennen kann, noch die von ihm auferlegte Strafe am eigenen Leib erfahren hat. Seine Entscheidung, von der Welt entfernt ein isoliertes Leben zu führen, erweist sich auch als ungeeignet, da andere dem Beispiel dieses frommen Mannes gefolgt sind und ihre Familien ungeschützt verlassen haben. Die beste Lösung sei also, nicht zu handeln, keine Entscheidung zu treffen, jemandem anderen zu dienen.
Die Lösung ist, wie man sieht, so unrealistisch wie ungerecht, vor allem weil der Herr, zu dessen Diensten sich Virata stellt, doch handeln und Entscheidungen treffen muss.
Einige Jahre später, als Klaus Mann im Exil Stefan Zweig um seine Mitarbeit für die von ihm herausgegebenen Emigrantezeitschrift Die Sammlung bittet, lehnt er mit dem Vorwand ab, den Faschismus müsse man mit der Literatur bekämpfen und nicht mit der Polemik über politische Aktualität (24). Diese Antwort wurde am 14. Oktober 1933 in dem Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel veröffentlicht und Zweig aus diesem Grund der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Es ist schwer, sich eine solche Antwort von einem Mann vorzustellen, der drei Jahre später schrieb:

Weil Gewalttätigkeit sich in jedem Zeitalter in andern Formen erneu[er]t, muß auch der Kampf gegen sie immer wieder von den Geistigen erneuert werden; nie dürfen sie flüchten hinter den Vorwand, zu stark sei zur Stunde die Gewalt und sinnlos darum, sich ihr im Wort entgegenzustellen. Denn nie ist [...] die Wahrheit vergeblich. Auch wenn es nicht siegt, so erweist doch das Wort ihre ewige Gegenwart, [...]. (26)

Die Schachnovelle, sein letztes Fiktionswerk, kann man als Allegorie einer Enttäuschung verstehen. Die ideale Welt, von der Zweig geträumt und für deren Verwirklichung er gearbeitet hatte, war zugrunde gegangen: in der Schachpartie, die ein Emigrant und der Schachweltmeister spielen, gewinnt der Emigrant das erste Spiel, aber er verliert das zweite. Er gibt die Revanche auf, weil die Position der Figuren auf dem Schachbrett nicht den Positionen in seinem Kopf entsprechen. Das Thema der Novelle suggeriert die Konfrontation zwischen dem Geist und der absoluten Macht, und die Kapitulation des ersten vor dem zweiten: die Erkenntnis, dass der Geist vor der Macht kapitulieren muss, da er die Regel der neuen Welt nicht mehr versteht. Diese Deutung stimmt mit dem Titel und dem Inhalt von Zweigs Autobiographie, Die Welt von Gestern (1942), überein. Die Welt von Stefan Zweig gehörte der Vergangenheit an, und er war unfähig, in der Gegenwart seiner Zeit zu leben. In seinem brasilianischen Exil beging er 1942 Suizid. Doch sein wertvoller Nachlass blieb: die notwendige Utopie, die das menschliche Handeln leiten und den Weg des friedlichen Zusammenlebens aller Glaubensrichtungen zeigen soll.
Nach Castellios Tod haben andere sein Vermächtnis weitergeführt und den Bedürfnissen ihrer Zeit angepasst. Unsere Welt ist heute zu einem Ort geworden, wo die Menschen verschiedener Kulturen zusammenleben müssen. Der Dialog ist heute also so nötig wie noch nie. Doch, wie Castellio behauptete, kann ein Dialog nur zwischen Gleichberechtigten geführt werden, und in dieser Gleichberechtigung besteht gegenwärtig die größte Herausforderung. Der Theologe Xec Marquès fasst es treffend so zusammen:

Der Dialog, [...], ist möglich, wenn ich aus meinem Zuhause gehe und mich dem Zuhause des Anderen nähere. Er ist möglich, wenn jeder ein Zuhause hat. [...]. Doch wenn das nicht der Fall ist, weil man arm ist, weil dort, wo mein Zuhause sein sollte, der Mächtigere sein Zuhause aufgestellt hat, ist der Dialog unmöglich. (27)


ANMERKUNGEN

1. Hartmut Müller, Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlts Monographien), Reinbek bei Hamburg 1996, S. 74 und 85-86.
Hierzu siehe auch Arnold Bauer, Stefan Zweig (Köpfe des 20. Jahrhunderts, Bd. XXI), Berlin 1996, S. 45, der in Zweig eher einen Pessimisten als einen gläubigen Utopisten sieht.

2. Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt, Frankfurt am Main 1994, wo von ‚Sturmgarde’, ‚Jungvolk’, ‚Ideologie’, ‚totalitär’, Gleichschaltung’‚ Diktatur’, oder ‚Geheimdiplomatie’ die Rede ist.

3. Besonders in seinen Biographien bediente Zweig sich des Psychogramms: er sah einen direkten Bezug zwischen der Physiognomie eines Menschen und seinem Charakter:
„Calvins Gesicht ist wie ein Karst, wie eine jener einsamen, abseitigen Felslandschaften, deren stummer Verschlossenheit nur Gott, aber nichts Menschliches gegenwärtig ist. Alles, was das Leben sonst fruchtbar, füllig, freudig, blühend, warm und sinnlich macht, fehlt diesem gütelosen, diesem trostlosen, diesem alterslosen Asketenantlitz. Alles ist hart und häßlich, eckig und unharmonisch in diesem düster-länglichen Oval: die enge und strenge Stirn, unter der zwei tiefe und übernächtigte Augen wie glimmende Kohlen flackern, die scharfe hakige Nase, herrschsüchtig vorgestoßen zwischen eingefallenen Wangen, der schmale, wie mit einem Messer geschnittene Mund, den selten jemand lächeln gesehen. Kein warmes Inkarnat leuchtet auf der eingesunkenen, trockenen, aschfarbenen, ausgedörrten Haut; es ist, als ob ein inneres Fieber vampirisch das Blut aus den Wangen gesogen hätte, so grau falten sie sich, so krank und fahl, außer in den kurzen Sekunden, da sie der Zorn mit hektischen Flecken überflammt. [...].” Ibid., S. 47.
Nicht nur in diesem Buch bezog sich Zweig auf die politische Situation seiner Zeit. Mit seiner Biographie Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen, (1929) warnte er vor der unmittelbaren Gefahr, die Europa wegen der als Konsequenz des Ersten Weltkrieges unstabilen Politik drohte und die sich in der Entstehung neuer reaktionärer nationalistischer Gruppierungen in Italien, Deutschland und Österreich manifestierte – Gruppierungen, die immer mächtiger wurden. Auch hier versuchte der Autor, einen prototypischen Charakter des Politikers darzustellen, den er für das Synonym eines Dogmatikers hielt. (Siehe Stefan Zweig, Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen, Frankfurt/Main, 1986, S.13).

4. Wenngleich Stefan Zweig bei seiner Arbeit die historischen Quellen gründlich erforschte (Siehe Bauer, Stefan Zweig, op. cit., S. 49), betont sein Biograph Hartmut Müller, dass der Autor manche positiven Charakterzüge Calvins außer Acht ließ und nur diejenigen Aspekte seiner Persönlichkeit wählte, die ihn in Bezug auf sein Ziel interessierten: den Nationalsozialismus als Unterdrücker der Geistesfreiheit anzuklagen: „ [...] Calvin war nicht nur ein Zuchtmeister mit der eisernen Rute, ein finsterer Zelot, ein Fanatiker mit blutverschmierten Händen. Er war der anerkannte Reformator Westeuropas, der die Einheit aller Reformierten begründete. Als Ökumeniker suchte er die Einheit mit den Lutheranern und selbst mit Rom. Als universaler Geist trug er bei zur Entwicklung der modernen Welt und zur Entstehung der modernen Demokratie. Zweig ordnete seine Darstellung einem ganz bestimmten Ziel unter, der Verbreitung seiner literarisch verkleideten Anklage gegen die Versklavung des freien Geistes im nationalsozialistischen Deutschland.” (Müller, Stefan Zweig, op. cit., S. 101).

5. Müller, op. cit. S. 74.

6. In einem Brief vom 24. Januar 1917 an den Fürsprecher des Sionismus Martin Buber schrieb Zweig: „Nie habe ich mich durch das Judentum in mir so frei gefühlt als jetzt in der Zeit des nationalen Irrwahns - und von Ihnen und den Ihren - trennt mich nur dies, daß ich nie wollte, daß das Judentum wieder Nation wird und damit sich in die Concurrenz der Realitäten erniedrigt. Daß ich die Diaspora liebe und bejahe als den Sinn seines Idealismus, als seine weltbürgerliche allmenschliche Berufung. Und ich wollte keine andere Vereinung als im Geist...”, Brief an Martin Buber, VIII. Kochgasse 8 Wien, 24 Januar 1917, in: Richard Friedenthal (Hg.), Stefan Zweig: Briefe an Freunde, Frankfurt am Main 1984, S. 68, zitiert nach Müller, Stefan Zweig, op. cit., S. 63.

7. Darauf bezogen erwähnt Müller einen Artikel, der Zweig im Frühling 1911 schrieb, als er von einer Reise in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, und der in der Neue Freie Presse herausgegeben wurde. (Ibid, S. 49).
Zu Zweigs Optimismus siehe auch das 8. Kapitel seiner Autobiographie Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers (1941), „Glanz und Schatten über Europa”.
In seiner Monographie über Emile Verhaeren, einer Studie seines bewunderten Dichters und Freunds, schreibt Zweig: „Die Götter werden zu Menschen werden, das äußere Schicksal wird zurückkehren in ihre Brust, die Heiligen werden nur mehr ihre Brüder sein, und das Paradies die Erde selbst.”, zitiert nach Müller, Ibid., S. 51.
In seinem Theaterstück Tersites (1907) stellt Zweig den Nationalismus als eine Krankheit dar, die man bekämpfen muss. Sie ist dort verantwortlich für die Konfrontation zwischen den Völkern, für den Krieg und für den Tod vieler Menschen.

8. Stefan Zweig, „Tersites, Jeremias. Zwei Dramen”, in: Knut Beck (Hg.) Gesammelte Werke in Einzelbänden, Frankfurt am Main 1992, S. 327.

9. „Denn hier geht es nicht um ein enges Theologicum, nicht um den einen Menschen Servet und nicht einmal um die entscheidende Krise zwischen dem liberalen und orthodoxen Protestantismus: in dieser entschlossenen Auseinandersetzung ist eine viel weitläufigere, eine überzeitliche Frage aufgeworfen, [...], ein Kampf ist eröffnet, der unter anderen Namen und anderen Formen immer neu wird ausgekämpft werden müssen. [...]. Gleichgültig, wie man die Pole dieser ständigen Spannung benennen will - ob Toleranz gegen Intoleranz, Freiheit gegen Bevormundung, Humanität gegen Fanatismus, Individualität gegen Mechanisierung, das Gewissen gegen die Gewalt -, alle diese Namen drücken im Grunde eine letzte allerinnerlichste und persönlichste Entscheidung aus, was wichtiger sei für jeden einzelnen - das Humane oder das Politische, das Ethos oder der Logos, die Persönlichkeit oder die Gemeinsamkeit.” (Zweig, Castellio gegen Calvin, op.cit. S. 12-13).

10. Ibid., S. 13.

11. Sebastian Castellio, zitiert nach Zweig, Ibid., S. 135.

12. Zweig, Castellio gegen Calvin., op. cit., S. 152.

13. In diesem Zusammenhang und in einem anderen Kontext betont Zweig die Bescheidenheit Castellios, der, im Vorwort seiner Bibelübersetzung, die Leser auf die Schwierigkeit der Deutung der Heiligen Schrift hinwies und darauf, dass er sich bei manchen Stellen auch im Zweifel war. (Siehe Zweig, Ibid., S. 80).

14. Zweig, Ibid., S. 151.

15. Zweig, Ibid., S. 156.

16. Zweig, Ibid., S. 157.

17. Zweig, Ibid., S. 170.

18. Zweig, Ibid., S. 174.

19. Zweig, Ibid., S. 177.

20. Zweig, Ibid., S. 179.

21. Zweig, Ibid, S.18.

22. Brief an Rudolf Kayser, London, 30. November 1933, in Erich Fitzbauer (Hg.), Stefan Zweig, Spiegelungen einer schöpferischen Persönlichkeit, Wien 1959, S. 75, zitiert nach Müller, Stefan Zweig, op. cit., S.102.

23. Brief an Joseph Roth (undatiert, vermutlich Herbst 1937), in Friedenthal (Hg.), op. cit., S. 286, zitiert nach Müller, op. cit., S. 102.

24. In einem Privatbrief an seinen Freund und Verleger Kippenberg, zitiert nach Müller, op.cit., S. 98.

25. Müller, Ibid., S. 99.

26. Zweig, Castellio gegen Calvin, op. cit., S. 160.

27. Privatkorrespondenz (Brief vom 4.3.2008) mit dem Theologen Xec Marquès, Dozent der Theologie in Schwarzafrika.


(Anna Rossell, "Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin oder: Ein Gewissen gegen die Gewalt", in Bernd F. W. Springer, Alexander Fidora (Hrsg.), Religiöse Toleranz im Spiegel der Literatur. Eine Idee und ihre ästhetische Gestaltung, Lit Verlag, (Literatur Forschung und Wissenschaft, Bd. 18), Wien, 2009, S. 257-268)

22 de agosto de 2009

L'ESTIU (conte d'autoria col·lectiva)

Català:

Convido tothom a afegir-se a aquesta experiència d'escriptura literària col·lectiva. El conte l'ha començat la Montse en el seu blog "Fons d'armari" (Vegeu "Los blogs que visito"). Després l'ha seguit en Lluís i, finalment -provisional- jo mateixa. Tot@s hi sou benvinguts a participar-hi!!! Seguiu escrivint el conte en l'espai "comentarios"!

Si en voleu començar un altre en espanyol, euskera, galleg, alemany o..., vosaltres mateix@s...

Montse comença el conte i escriu:

***
Español:

Invito a todo el mundo a sumarse a esta experiencia de escritura literaria colectiva. El relato lo empezó Montse en su blog "Fons d'armari" (Véase "Los blogs que visito"). Después lo ha seguido Lluís y, finalmente -provisionalmente- yo misma. ¡Tod@s sois bienvenid@s a participar!

¡Seguid escribiendo el relato en el espacio "comentarios"!

Si queréis empezar otro en español, euskera, gallego, alemán o..., vosotr@s mism@s...


Montse comienza el relato escribiendo:

L'ESTIU (Montse) / DUBTES EXISTENCIALS (Incògnit) /...

Fèrtil, feliç, afirmatiu, il·luminat. Quanta vida.
Dies de joventut rics d'acció, d'anhels, projectes, somnis. Aquest gust per les coses petites, festes majors, aquell dringar de copes plenes de vi i la passió que m'empenyia cap algú.
Recordo aquella roca on m'asseia les llargues nits d'estiu tot contemplant la nit estrellada fins altes hores del matí quan tot gairebé dormia excepte el cant dels ocells; i en aquell silenci feia volar la imaginació i estranys poders feien canviar els costums i emprendre reformes radicals.
L'estiu, temps de sega, el verd de la primavera ara és de color groc, tot queda sec i et recorda l'olor de pols de blat. De sobte se't revela aquella cançó d'estiu que tenies oblidada i es barreja amb la cançó d' aquest estiu, i mentre sona recordes aquelles ressaques plenes de sentiments.

dimecres, 15 / juliol / 2009


Montse dijo:

Vint-i-nou estius al càmping ens impregnen records tot compartint vacances i feina i acompanyats pel so de la cançó de l'estiu. Tardes solejades i tardes fosques amb pluja, llamps i trons. Després sortida de sol i tots a la piscina a torrar, mentre altres suporten la calorassa sota l'ombra d'un arbre i es remullen en una tolla del riu.
Se'm fa plaent poder anar encadenant estius amb anades i tornades, fent amistats i acumulant records.
Avui ha arribat amb el seu pare la Muriel. Ella té 14 anys i en feia 10 que no venia. Quan li hem preguntat què recordava ens ha contestat: la cortina de la porta del bar. Amb aquest records associats amb algun objecte ens reconeixem. M'agrada el somriure de la Muriel.

2 de septiembre de 2009 22:32


Lluís ha dit: continuo des del meu prisma particular:

Olors estrangeres es barrejaven entre les cases de tela dels intrèpids viatjants del continent. El sol, radiant, esquivant les copes dels arbres arribava fins a l'última engruna de terra. Mentrestant, em tumbava al marge del riu tot esperant que aquell diminut arbre estigues a vessar d'aigua. Movia la mangera i li cantava una cançó. Cada arbre tenia la seva i el meu preferit era el Simon, i cada dia donava voltes al seu tronc esquifit amb la Miss Robinson tararejant pel cap.

Després, entrava al bar, una mirada còmplice amb qui estava darrera la càmara, i en tres segons una bossa de fritos a les mans, mentre el Johnny Cash posava el ritme...

Somnis d'estiu que no es poden dissociar del pòsit particular a partir del qual sommiàvem.

17 / juliol / 2009 10:08


Anna Rossell ha dit:

Des de l'altre costat de l'aigua seguia amb la mirada els zig-zags de l'espiadimonis que no acabava de trobar un territori sòlid on posar-se. Feia estona que tenia gust de ranci a la boca i vaig buidar la resta de fritos al corrent, mentre els meus ulls seguien aquell improvisat exèrcit de petits vaixells que es perdien riu avall en un moment, evitant els accidents dels petits troncs i entre les pedres. "No era just, no tenia cap sentit", i amb els ulls clavats al curs de l'aigua se m'acudia que la vida era encara molt més cruel del que havia sospitat; l'armonia d'aquella natura microcòsmica que es desplegava davant meu, pura arrogància. El Déu en què molts creien havia de ser un cínic, ens regalava miratges de bellesa i quan menys ens ho esperàvem deixava que ens rebentessin a la cara, després es feia un tip de riure amb la seva boca de gegant. Les rialles d'aquell monstre ho omplien tot i em feia mal el món i el seu sarcasme. Se l'havia endut, just feia un moment, i fora tot restava com si res, l'aigua seguia esmunyint-se riu avall i l'espiadimonis cercava el seu territori sòlid i segur, ignorant el mal, l'insuportable dolor que em posseïa.

10 / agost / 2009 12:20


Manolo dijo:

¿Por qué me dominan a veces pensamientos imbuidos por un sentimiento de rabia, quizá de odio, tal vez de desesperanza? Por naturaleza creo que soy afable, optimista. Disfruto tanto de la soledad de la naturaleza, nunca la he sentido delante del espacio abierto, como de la compañía de la gente que quiero, del arte, artificial, que se me ofrece, de mis propios pensamientos... ¿Por qué aquí, ahora, ante esta belleza cambiante, hermosamente monótona, a veces transparente, susurrante, me vienen estos pensamientos? ¿Qué hay en mí que transforma así mis sentimientos? ¿Es el río? ¿Es la mutación permanente? ¿Es la monotonía de la música del agua? ¿La intangibilidad del presente?

La libélula sigue con sus vuelos sin rumbo y eso me tranquiliza...
–“¿Ya estás en tu observatorio, como de costumbre?”
En mi ensimismamiento no he notado que alguien se acercaba. Me sobresalto ostensiblemente y me vuelvo.

23 de agosto de 2009 20:19


Gerard dijo:

La Clàudia tenia la capacitat de desplaçar-se totalment en silenci. Li agradava parlar i, a més, no ho feia precisament en veu baixa, però, si passava caminant pel teu costat, no te n'adonaves.
-"Sí", i de sobte vaig recordar que estava regant el mateix arbre des de feia massa estona.
-"Estava regant", vaig continuar mentre agafava la mànega per canviar-la al següent arbre.
Ella va mirar el toll d'aigua que s'havia generat, aquest s'havia desbordat i fluïa generosament fins al riu. Em va somriure.
- "Tinc gana, vaig a comprar, vols alguna cosa?"
- "No..."
Segurament necessitava menjar, beure, escoltar música i veure alguna pel·lícula divertida, però feia hores que no pensava en mi mateix. En moments així era tot tan relatiu... gana o sed... podria estar-me tres dies caminant i no parar fins quedar-me adormit inevitablement. Potser ho hauria de fer.

23 de agosto de 2009 21:17


nem dijo:

Em vaig despertar i cada cosa seguia al seu lloc. En el meu somni, breu però profund alhora, en pocs minuts s'havien esmunyit infinitat de pensaments que darrerament m'ocupaven el temps de vigília. Perquè només jo li deia Clàudia? Com es deia realment? I perquè quan jo escrivia m'agradava fer-ho sota aquell pseudònim que confonia tant els meus lectors? Aquell pseudònim que em permetia ocultar la meva veritable identitat. I mentre així divagava...aquell fum....aquell fum que tot ho envaïa i que confonent-se amb el meu pensament dibuixava anelles en l'exterior i en barrejar-se, el de dintre i el de fora, creava aquella atmosfera tan agradable sobre la que l'essència es submergia....
Vaig continuar regant.

25 de agosto de 2009 12:49


Manolo dijo:

¡Finalmente! Todos los árboles tienen su ración diaria de agua y el césped luce como si hubiera recibido todo el rocío que la naturaleza le había negado hacía tiempo.

Claudia sale del bar con su compra. Hace tres temporadas que aparece por el camping. Desde el principio me llamó la atención por su pose carente de afectación y por su forma de hablar, franca y ruidosa.
En aquella época había caído en mis manos un libro, Cartas para Claudia, que, en contra de mis expectativas, pues me lo había recomendado mi madre, me impresionó vivamente. Son las reflexiones de un psicólogo en forma de cartas, donde, amén de reflexiones psicológicas sobre relaciones diversas, ensalza el autoconocimiento y la belleza de la vida, sin dejar que el pasado o el futuro enturbien el ahora, y todo ello con un uso especialmente cuidado de la lengua. Estas cartas están dirigidas a un personaje imaginario, mujer bella e inteligente, comprensiva y curiosa, que no escatima preguntas. Cuando la llamé Claudia por primera vez me miró sorprendida, pero no dijo nada. Fue justo antes de abandonar el camping cuando me preguntó por qué la llamaba así.
–“Porque eres mi personaje favorito”.
Me miró interrogante pero le respondí con una sonrisa cómplice y di media vuelta. Al año siguiente, a modo de saludo, puse el libro en sus manos. No tardó ni un día en devolvérmelo con una sonrisa de oreja a oreja.

27 de agosto de 2009 10:22


nem dijo:

Aquell dia, i amb el pensament encara abatut de dolor per la pèrdua, transcorria lent. Començava a fosquejar. Inconscientment vaig recordar els capvespres d'estius passats, abans que ella arribés, quan a la llum de la lluna, guitarra en mà, cantàvem cançons, ignorants del futur.

27 de agosto de 2009 11:22


Anna Rossell dijo:

Enyorava la innocència d'aquell temps, la calma i la pau de l'esperit verge i tranquil, encara alegre, capaç de creure en l'amistat eterna i la bondat innata del proïsme, aliè a les ferides i al sofriment. Què se n'havia fet d'aquell adolescent ingenu? Només havien passat sis anys i em semblava que hagués viscut tota una vida, duia al damunt la humanitat sencera, la sentia com una llosa i jo corria el perill que m'esclafés en qualsevol moment. De dins del bar m'arribava la veu ensucrada de Julio Iglesias i les seves notes arrossegades. Qui era el criminal que gosava de trencar el majestuós silenci de les muntanyes amb aquell succedani de música? Em feien mal els braços. En aquella posició, estirat com estava, el llibre em pesava més del compte per sentir-me còmode i res no em convidava a seguir sostenint aquell pes. La llum del càmping-gas dificultava la lectura i feia estona que no sabia què llegia, immers en l'obsessió que em dominava el pensament. Feia temps que havia deixat de creure en Déu, però seguia creient vivament en l'ànima humana. Molt a desgrat meu l'ànima existia, i ara com mai hagués desitjat que això no fos així; m'hagués estalviat aquell dolor terrible. Vaig deixar el llibre a l'herba i em va venir a la ment el somrís ample de la Clàudia. No podia imaginar-me a mi mateix somrient mai més. Malgrat que el sol ja s'havia posat completament, vaig decidir anar caminant fins al poble.

27 de agosto de 2009 15:06


nem dijo:

Vaig beure, vaig beure tota la nit. Déu! Perquè sempre Déu i l'ànima interferien en els meus pensaments? A trenc d'alba em vaig despertar en un banc del passeig. Tot em donava voltes... el terra girava damunt el meu cap i els arbres voltaven i voltaven com en una noria sens fi. Em vaig tornar a endormiscar. Quan finalment la ressaca començava a cedir, vaig tornar cap al camping.
El càmping el regentaven dues dones, cosines entre elles, que l'havien heretat d'un oncle que no havia tingut descendència. Les ajudava un matrimoni cubà, en Raúl i la Isolina, que feia anys s'havien establert al poble. D'ells vaig aprendre a fer "mojitos" i a apreciar la música cubana. Així que podia i en tenia ocasió, feia que ressonés pel recinte la veu de Compay Segundo amb la Carta de despedida del "Che". El càmping era com la meva segona residència, lloc de refugi en moments crítics. L'havia freqüentat amb la família des que tenia ús de raó. Ara gairebé jo en formava part. M'agradava col·laborar-hi. A la caiguda del sol tornaria a agafar la mànega, com cada dia.

27 de agosto de 2009 18:05


Rebeca dijo:

La luz de las farolas se transforma en reflejos tenues y el bucle de no hacer nada se repite casi sin remedio, sin planes para los próximos tres, ocho meses, no lo sé con exactitud, y atrapado en la rutina del camping, sigo regando junto al río, intentado recordar qué pasó la última noche. A partir del quinto chupito sólo escucho música electrónica, algún idioma extranjero y olor a limón. El sentimiento de vacío se convierte en un estado de melancolía estúpida, extraña. El dolor de cabeza intermitente.

29 de agosto de 2009 03:56


Marius dijo:

Des del meu observatori sentia en Raul i la Isolina trastejar per la cuina, acabant de preparar els últims plats pel dinar. Ella, la Clàudia, estava asseguda en una taula del menjador. M'hi vaig acostar tot esperant que em convidés a seure amb ella.
-Vols que parlem?, em va dir. Des del desgraciat accident rebutjava el seu contacte i la seva companyia. Em sentia culpable. En Guillem no hauria tingut aquell final si jo hagués corregut més, a temps per salvar-lo d'aquelles flames que en tan breu temps van acabar amb tot el que trobaven al seu pas. En Guillem no podia córrer amb la seva cama ortopèdica, i jo ho sabia. Ara, la culpa m'aclaparava.

29 de agosto de 2009 16:02


Anna Rossell dijo:

No havia contestat al mòbil per no perdre el fil de la novel·la que volia presentar al concurs. Havia d'escriure de valent si volia acabar-la a temps. Ara veia que les coses tot d'una deixaven de tenir importància. Si hagués contestat la trucada, si al menys hagués mirat qui telefonava, ben segur que hagués despenjat si hagués sabut que era en Guillem. L'havia deixat només feia un parell d'hores a la vora del llac on tant li agradava de seure i pescar mentre llegia fins que el sol es posava. L'incendi havia començat just darrera seu i el foc s'havia estès com la pòlvora, abans que pogués adonar-se'n i demanar ajuda. Devia portar el desànim penjat dels ulls; la pregunta de la Clàudia feia pensar que se n'adonava que em trasbalsava alguna cosa.
-Vols que parlem?, va repetir. Per tota resposta vaig asseure'm a la cadira davant seu. La mirada de la Clàudia era directa i franca. Em fitava fixament amb una expressió interrogant i acollidora. La tenia asseguda davant meu, esperant que li digués alguna cosa. La Clàudia tenia la virtut de sorprendre'm sempre. No encaixava en cap dels prejudicis que el meu imaginari fabricava a partir de l'última experiència compartida. Des que ens havíem conegut, ara feia tres estius, em semblava descobrir-la de nou.

31 de agosto de 2009 14:32


Marius dijo:

El meu "personatge favorit" del llibre Cartas para Claudia, el tenia assegut davant meu, a punt per a la confidència. Curiosament, jo havia descobert que ella, la Clàudia del càmping , també era psicóloga. Per això aquell somriure tan ampli quan em va tornar el llibre, l'estiu passat, al dia següent de jo deixar-li. Ella ja el coneixia.

2 de septiembre de 2009 9:33


Anna Rossell dijo:

-Què et passa?, deia la seva veu amb la fermesa de qui ja sap la resposta i només vol que li buidin el cor per alleujar una pena. Malgrat que per sota la taula els nostres peus es tocaven, la pregunta em venia com de lluny. Què et passa?, vaig tornar a sentir. La llengua no m'obeïa, tenia la boca seca i les mandíbules em feien mal per la tensió. Quan en Raul havia donat l'alarma i havia cridat voluntaris per ajudar a sufocar l'incendi que s'havia declarat, jo em vaig prendre el meu temps per acabar d'arrodonir l'últim paràgraf. Només després vaig apagar el portàtil i vaig dignar-me mirar d'on provenia el fum, només llavors vaig córrer. Vaig fer una ullada desesperada al mòbil: l'última trucada perduda era d'en Guillem. Em passava tot això pel cap mentre el plor em sacsejava el cos com un tros de fusta seca i només aconseguia articular el seu nom: Guillem, Guillem. La Clàudia s'havia aixecat de la cadira i ajupida m'abraçava amb força per contenir els meus sanglots. Em vaig despertar esgotat, els braços de la Clàudia encara em subjectaven com si volgués evitar que tot jo em desmuntés com les peces d'un trencaclosques que amb un cop de mà algú desencaixa. Notava el pessigolleig de la barbeta de la Clàudia acariciant-me el cap, s'havia assegut al meu costat i el seu pit m'acaronava com a un infant de llet. En el barrio La Cachimba se ha formado la corredera. Allá fueron los bomberos con sus campanas, sus sirenas. Ay mamá, ¿qué pasó? El cuarto de Tula, le cogió candela; se quedó dormida y no apagó la ve... . La veu de Compay Segundo es va aturar bruscament immediatament després que la Isolina sortís de la trastenda amb pressa, suada i amb cara de mal humor. Venia carregada amb una caixa de cerveses i va deixar el comandament a distància al costat de la màquina del cafè per poder aixecar el pes amb les dues mans.
-Va ser el que va morir en l'incendi? em preguntava la Clàudia gairebé a cau d'orella. Vaig assentir mentre feia un esforç per refer-me i recuperar la meva autonomia.
-No t'ho pots retreure, va ser un accident.
-No vaig respondre la trucada, vaig dir amb veu rogallosa tot incorporant-me. Em feia vergonya haver-me desfet com un flam davant de la Clàudia. Ara ella m'havia tornat a clavar la mirada als ulls i em passava la mà per darrera el coll, com si no gosés deixar tan de cop el contacte físic. M'hagués volgut fondre. No suportava mostrar les meves interioritats a ningú, i em sentia despullat quan les forces minvaven i la feblesa acabava per guanyar la partida. Llavors encenia un cigarret i em venia al pensament el meu costum de publicar amb pseudònim. La Clàudia devia veure'm ara amb tota la meva debilitat i covardia. Era dona i psicòloga, i el meu orgull masculí s'havia esvaït en un moment.

3 de septiembre de 2009 14:57


Marius dijo:

Debilitat i covardia i, alhora, fortalesa i valentia. Era així, amb aquests atributs, com em sentia jo en diferents moments de la meva vida. La meva doble personalitat..., que desorientava tant als que no em coneixien a fons. Éra per això que havia triat aquell pseudònim, Androgin, per a la meva última novel·la.

3 de septiembre de 2009 18:17


Incògnit dijo:

En ella, el personatge principal, l'Agnès, simbolitzava tot el que havia sigut per a mi aquell gran amor de l'adolescència, l'Alexandra, la passiò que vaig sentir sense ser correspost, les esperes angoixants per tornar-la a veure el diumenge en el dinar familiar. Aquell deliri que em va portar una nit a la porta de casa seva i em va fer copejar-la fins que es va esberlar i que va provocar que els veïns, escandalitzats pel meu comportament, donessin avís a la policia i em van portar pres. Després va aparèixer en Guillem a la meva vida.

8 de septiembre de 2009 12:49


Sirius dijo:

Si escric amb pseudònims és perquè crec fermament que no valen aprovacions ni reconeixements externs, de què serveixen? No enfocar imperiosament la vida a la recerca de la seguretat permanent. Això ho sabia prou bé en Guillem, en els moments de desconcert era capaç de fer les coses de vell nou amb empelts innovadors, creatius. Al seu costat sentia que tot era possible i autèntic sense més, com una mirada al mar, sempre canviant. Alliberat, perquè era així, deixant totes les possibilitats permanents obertes i a disposició de la vida i dels seus embats.
En Raül, la Isolina, la Clàudia,... quantes vegades s’hauran preguntat quin significat tenia en Guillem a la meva vida? No ho sé, però hi ha dies simples, com el d’ahir en què m’envaeix una sensació àmplia de tenir-lo present, llavors, malgrat la seva absència, dic al vent com me l’estimo...

9 de septiembre de 2009 23:55


Montse dijo:

Durant tots aquests anys he après a estimar en secret. Ara resto aquí com un espectador sensible i em sento desconegut enmig de la gent i la natura, mentre em pregunto quants anys queden de patiment causats per les mirades de rebuig de la gent?

12 de septiembre de 2009 19:51


Montse dijo:

Tot aquest temps dubtant entre marxar o quedar-me, aquí és on vaig conèixer en Guillem, a cada racó hi trobo coses que me'l recorden. Tots aquells estius de vacances al sol i aquella passió per la lectura que li vaig transmetre, estàvem bé junts no ens avorríem, amb el teu sonriure i el pas coix degut a aquella desafortunada caiguda del cavall quan tot just tenies dotze anys. Vaig decidir que ja era hora de marxar i ara visc a ciutat en un pis que m'ha deixat un oncle en herència, el pis és petit i moblat. Ja no visc al costat del riu i això és el que més enyoro, m'encantava el so del riu a totes hores. He trobat feina uns quants dies a la setmana en una llibreria i aferrat als llibres sé que tinc alguna cosa més.

15 de septiembre de 2009 13:11


nem dijo:

He sublimat les meves emocions i estic ben decidit: el proper pas serà anar a l'Àfrica. Allà serà un començar de nou.

Tota aquesta barreja de pensaments i reflexions és el que li vaig abocar a la Clàudia després d'haver-me desmuntat al seus braços i un cop acabat el cigarret. Ella no em coneixia tan a fons, però vaig pressentir que em comprenia perfectament.

17 de septiembre de 2009 9:21

EN MANOLO COMENÇA A PROPOSAR UN FINAL I SUGGEREIX QUE CADA COAUTOR@ EN PROPOSI UN. TAMBÉ PODEU SUGGERIR TÍTOLS

A CONTINUACIÓ EL FINAL D'EN MANOLO (I DE NEM, QUE S'HI SOLIDARITZA):

Manolo (i nem) dijeron:

Proposta de final nº 1:

El verano ha llegado a su fin. La estancia en el camping me ha pasado una dura factura: la muerte de Guillem ha ahondado mi propio conflicto sentimental. Necesito huir del mundo de mi entorno una buena temporada para aclarar mis ideas: quiero saber qué siento, cómo soy en realidad, cuánto de verdad hay en mi pseudónimo... Aquí estoy en el aeropuerto de Barcelona con billete de ida a Bamako. Quiero permanecer en África todo lo que puedan dar de sí mis medios. Me han hablado de la posibilidad de cooperar en algún centro de misioneros, tan faltos de manos, donde nunca sobra una persona dispuesta... No es el camping, es la dura realidad y confío en mi capacidad ascética.

Estoy a punto de embarcar, son las 20:45

Suena una voz a mi espalda, no he oído sus pasos:
-Hola...
-¡Claudia!

19 de septiembre de 2009 15:03


Anónimo dijo:

Proposta de final nº 2:

Les fulles davallaven fins al sol, dibuixant intrigants figures groguenques sobre una catifa verda..., els arbres havien reeixit del sufocant estiu, gràcies, ja no a la mànega, sinó als rius de llàgrimes vessades...,mentrestant l’aire transportava vells aromes de tardor suaument embolcallats de les llunyanes notes de Mrs Robinson... anunciant l’inefable cercle de la vida.

20 de septiembre de 2009 15:28


Marius dijo:

Proposta de final nº 3:

Reclós al pis de l'oncle, només surto per anar a la llibreria. Després, em tanco i escric. Escric fins a altes hores de la nit, quan vençut per la son no puc mantenir els ulls oberts ni un instant més.

Ara, sempre la Clàudia en el meu pensament. Em ve a veure sovint. M'he acostumat a dependre d'ella i la necessito. Tant, que el meu ferm propósit d'anar a l'Àfrica, s'esvaeix com el fum dels cigarrets que es consumeixen mentre la inspiració va i ve, i la meva voluntat, presonera del destí, es incapaç de decidir el meu propi futur.

21 de septiembre de 2009 11:23


Incògnit dijo:

Proposta de final nº 4:

Acabat l'estiu, el camping va tancar, com de costum. Es van iniciar petites reformes i les habituals obres de manteniment. Malgrat que gairebé ja tocava, després de 29 anys de servei, les propietàries no van voler canviar la cortina del bar. El fet que la Muriel la tingués en el seu record al cap de deu anys, les va fer decidir. Tothom va retornar a lloc, els hostes de les cases de tela, als seus respectius paisos d'origen, en Raül i la Isolina, al poble del costat. Endarrera quedaven l'Alexandra, en Guillem, la Clàudia, i jo mateix, decidit a emprendre una nova vida a partir d'aquell mateix moment.

21 de septiembre de 2009 17:23


Montse dijo:

Proposta de final nº 5:

Vol destí Bamako, últim avís.
Va ser en aquell mateix moment quan vaig sentir la veu de la Clàudia, ella amb la seva manera de mirar-me sempre m'havia provocat una estranya excitació. Allà vaig començar a pensar que el destí me l'havia de fer jo, he de decidir si me'n vaig o no, què he de fer? Tot això pensava quan va sonar el mòbil, eren en Raül i la Isolina que volien que anés el cap de setmana al càmping.
I fou aquí, en aquesta festa del final de l'estiu, que apartant la cortina i abraçats amb la Clàudia vaig confessar-li que en el llibre que havia començat a escriure aflorarien totes les contradiccions internes dels personatges.

22 de septiembre de 2009 18:49



Proves dijo:

Proposta de final nº 6:

.

22 de septiembre de 2009 21:47


Sirius dijo:

Proposta de final nº 7:

Sóc un home, simplement, amb anades i vingudes, amb alts i baixos i amb un gran desig de construir vida i eixamplar-la al meu entorn sense límits. Però no, no podia anar-me'n a l'Àfrica ni quedar-me amb la Clàudia. Feia poc més d'un any havia signat un contracte amb l'editorial. Només els que hem treballat amb aquest món coneixem les seves pressions i exigències en les entregues. Havia d'acabar el meu llibre, un llibre ple d'emocions però pocs fets i ritme. Els dies d'estiu, immers en els meus records i el dia a dia en el càmping m’absorbiren tot el temps. Faltava poc per fer entrega del meu primer esborrany i em sentia atrapat en els meus pensaments del passat, incapaç de poder imaginar nous destins dels meus personatges. Potser fent una profunda i desmesurada botifarra al pas del temps, que sempre pretén dir-nos qui som i què esdevindrem, que sempre vol controlar-nos subtilment tot i saber que no existeix, que som tots nosaltres qui li donem vida.
Arribat a aquest punt vaig optar per demanar humilment ajut als meus amics, no....no qualsevol amic, no...aquells que ho són de debò, que estan al teu costat quan ho necessites i que es mereixen aquest nom.
Els vaig convocar a tots via internet, sempre m’han fascinat les noves tecnologies. I en un xat privat i fins la matinada vaig conversar amb la Montse, l’Anna, el Manolo, en Lluís, en Nem, la Rebecca, en Màrius, l’Incògnit, en Sirius, l’Anònim i la Cabra del càmping, que tan inspirava. Com bons amics es comprometeren a acabar aquest llibre que ni tan sols encara té títol. Les idees i conceptes van començar a fluir màgicament. I amb un got de ratafia sense additius a la mà els hi vaig encomanar que m’acabessin el llibre. El llibre de l’estiu...

23 de septiembre de 2009 22:22


Sirius dijo:

Proposta de final nº 7 (continuació):

Fe d'errades:
En el meu llistat de "bons amics", en la meva última aportació del conte, hi falta el meu amic GERARD. Un cop acabat el llibre l'editorial no hi va trobar cap "futur comercial". En Gerard, el va presentar d'incògnit al Premi Prudenci Bertrana 2010, i gràcies a ell ens trobem tots plegats a l'Àfrica celebrant el guany del premi.(Clàudia i Cabra incloses)

23 de septiembre de 2009 22:56


Anna Rossell dijo:

Proposta de final nº 8:

L'avió s'enlaira. A baix queda la ciutat on vaig néixer i conèixer en Guillem, que m'acompanya. Sempre m'acompanyarà. He presentat la novel·la al concurs. Marxo amb l'esperança de guanyar el premi. Àfrica serà la meva nova font d'inspiració. A Bamako m'hi espera en Jaume, un metge amic d'un amic, que m'ha ofert casa seva. Sento que deixo enrera una etapa per començar-ne una de nova. I, de fet, de nou començarà tot menys en Guillem, que porto amb mi. Em pregunto si havia de morir ell perquè la meva existència donés el tomb que he decidit donar-li. El destí m'ha jugat una mala passada, exigint-me un sacrifici massa gran. I penso com serà a partir d'ara la vida amb en Guillem.

28 de setembre de 2009 20:50


FINAL GLOBAL, COMPOSAT PER LA SUMA DE TOTS ELS SUGGERITS FINS ARA, SEGUINT L'ORDRE PROPOSAT PER LA MONTSE:

(Proposta de final nº1:)

El verano ha llegado a su fin. La estancia en el camping me ha pasado una dura factura: la muerte de Guillem ha ahondado mi propio conflicto sentimental. Necesito huir del mundo de mi entorno una buena temporada para aclarar mis ideas: quiero saber qué siento, cómo soy en realidad, cuánto de verdad hay en mi pseudónimo... Aquí estoy en el aeropuerto de Barcelona con billete de ida a Bamako. Quiero permanecer en África todo lo que puedan dar de sí mis medios. Me han hablado de la posibilidad de cooperar en algún centro de misioneros, tan faltos de manos, donde nunca sobra una persona dispuesta... No es el camping, es la dura realidad y confío en mi capacidad ascética.

Estoy a punto de embarcar, son las 20:45

Suena una voz a mi espalda, no he oído sus pasos:
-Hola...
-¡Claudia!

(Proposta de final nº5:)

Vol destí Bamako, últim avís.
Va ser en aquell mateix moment quan vaig sentir la veu de la Clàudia, ella amb la seva manera de mirar-me sempre m'havia provocat una estranya excitació. Allà vaig començar a pensar que el destí me l'havia de fer jo, he de decidir si me'n vaig o no, què he de fer? Tot això pensava quan va sonar el mòbil, eren en Raül i la Isolina que volien que anés el cap de setmana al càmping.
I fou aquí, en aquesta festa del final de l'estiu, que apartant la cortina i abraçats amb la Clàudia vaig confessar-li que en el llibre que havia començat a escriure aflorarien totes les contradiccions internes dels personatges.

(Proposta de final nº 4:)

Acabat l'estiu, el camping va tancar, com de costum. Es van iniciar petites reformes i les habituals obres de manteniment. Malgrat que gairebé ja tocava, després de 29 anys de servei, les propietàries no van voler canviar la cortina del bar. El fet que la Muriel la tingués en el seu record al cap de deu anys, les va fer decidir. Tothom va retornar a lloc, els hostes de les cases de tela, als seus respectius paisos d'origen, en Raül i la Isolina, al poble del costat. Endarrera quedaven l'Alexandra, en Guillem, la Clàudia, i jo mateix, decidit a emprendre una nova vida a partir d'aquell mateix moment.

(Proposta de final nº2:)

Les fulles davallaven fins al sol, dibuixant intrigants figures groguenques sobre una catifa verda..., els arbres havien reeixit del sufocant estiu, gràcies, ja no a la mànega, sinó als rius de llàgrimes vessades...,mentrestant l’aire transportava vells aromes de tardor suaument embolcallats de les llunyanes notes de Mrs Robinson... anunciant l’inefable cercle de la vida.

(Proposta de final nº3:)

Reclós al pis de l'oncle, només surto per anar a la llibreria. Després, em tanco i escric. Escric fins a altes hores de la nit, quan vençut per la son no puc mantenir els ulls oberts ni un instant més.

Ara, sempre la Clàudia en el meu pensament. Em ve a veure sovint. M'he acostumat a dependre d'ella i la necessito. Tant, que el meu ferm propósit d'anar a l'Àfrica, s'esvaeix com el fum dels cigarrets que es consumeixen mentre la inspiració va i ve, i la meva voluntat, presonera del destí, es incapaç de decidir el meu propi futur.

(Proposta de final nº7:)

Sóc un home, simplement, amb anades i vingudes, amb alts i baixos i amb un gran desig de construir vida i eixamplar-la al meu entorn sense límits. Però no, no podia anar-me'n a l'Àfrica ni quedar-me amb la Clàudia. Feia poc més d'un any havia signat un contracte amb l'editorial. Només els que hem treballat amb aquest món coneixem les seves pressions i exigències en les entregues. Havia d'acabar el meu llibre, un llibre ple d'emocions però pocs fets i ritme. Els dies d'estiu, immers en els meus records i el dia a dia en el càmping m’absorbiren tot el temps. Faltava poc per fer entrega del meu primer esborrany i em sentia atrapat en els meus pensaments del passat, incapaç de poder imaginar nous destins dels meus personatges. Potser fent una profunda i desmesurada botifarra al pas del temps, que sempre pretén dir-nos qui som i què esdevindrem, que sempre vol controlar-nos subtilment tot i saber que no existeix, que som tots nosaltres qui li donem vida.
Arribat a aquest punt vaig optar per demanar humilment ajut als meus amics, no....no qualsevol amic, no...aquells que ho són de debò, que estan al teu costat quan ho necessites i que es mereixen aquest nom.
Els vaig convocar a tots via internet, sempre m’han fascinat les noves tecnologies. I en un xat privat i fins la matinada vaig conversar amb la Montse, l’Anna, el Manolo, en Lluís, en Nem, la Rebecca, en Màrius, l’Incògnit, en Sirius, l’Anònim i la Cabra del càmping, que tan inspirava. Com bons amics es comprometeren a acabar aquest llibre que ni tan sols encara té títol. Les idees i conceptes van començar a fluir màgicament. I amb un got de ratafia sense additius a la mà els hi vaig encomanar que m’acabessin el llibre. El llibre de l’estiu...
Fe d'errades:
En el meu llistat de "bons amics", en la meva última aportació del conte, hi falta el meu amic GERARD. Un cop acabat el llibre l'editorial no hi va trobar cap "futur comercial". En Gerard, el va presentar d'incògnit al Premi Prudenci Bertrana 2010, i gràcies a ell ens trobem tots plegats a l'Àfrica celebrant el guany del premi.(Clàudia i Cabra incloses)

(Proposta de final nº8:)

L'avió s'enlaira. A baix queda la ciutat on vaig néixer i conèixer en Guillem, que m'acompanya. Sempre m'acompanyarà. He presentat la novel·la al concurs. Marxo amb l'esperança de guanyar el premi. Àfrica serà la meva nova font d'inspiració. A Bamako m'hi espera en Jaume, un metge amic d'un amic, que m'ha ofert casa seva. Sento que deixo enrera una etapa per començar-ne una de nova. I, de fet, de nou començarà tot menys en Guillem, que porto amb mi. Em pregunto si havia de morir ell perquè la meva existència donés el tomb que he decidit donar-li. El destí m'ha jugat una mala passada, exigint-me un sacrifici massa gran. I penso com serà a partir d'ara la vida amb en Guillem.

16 de agosto de 2009

Correspondencia Anna Rossell-Xec Marquès (16-08-2009)

CARTA D'ANNA ROSSELL AL TEÒLEG I SALESIÀ XEC MARQUÈS (A continuación del texto catalán viene su traducción al español




Català


El Masnou, 16-08-09

Estimat Xec,

gràcies per les teves lletres i per la fotografia de l’equip de noies que ens has enviat. És una monada de foto i les noies tenen unes caretes la mar de salades. Les meves més sinceres felicitacions per aquest èxit enorme: més de 300 nen@s al Pati Salesià, un curs de formació de monitors de temps lliure, més de 50 nen@s en les activitats de reforç escolar, i ara això: 4 equips femenins!!!!! Déu n’hi dò, Marquès, Déu n’hi dò!!! Perquè això que enumero són els mers resultats -els fruits-, però darrera de cada fruit hi ha moltíssima feina: observar, treballar la terra, abonar-la, llaurar-la, regar-la, treure les pedres, aplanar-la.... i tantes tantes altres activitats prèvies!

Escrius que les noies, quan juguen a futbol, es barallen molt, que s’insulten i volen matar l’àrbitre..., però també dius que “val la pena”. I tant que la val, Marquès! No sé si ets del tot conscient del que representa per a una noia veure i sentir que pot participar en activitats socials elegides per ella mateixa, encara que sigui només d’un bocí, del mateix món privilegiat que un noi. Perquè això que s’experimenta en una activitat –en aquest cas, el futbol- es fa extensible, més o menys inconscientment, a tots els altres àmbits de la vida. I de sobte et sents ciutadana del món, un sentiment que no havies tingut mai i que no havies somniat mai tenir, i poc a poc et vas fent conscient que tu també tens drets i pots fer les coses que tu et proposis, i no només les que et vénen obligades pel altres. Sembla que no pugui ser que una cosa com aquesta, que aparentment és una petitesa sense importància -poder gaudir d’una mica de temps de lleure- no només canviï el dia a dia de les persones, sinó -el que és més essencial- el seu futur. És per aquest motiu que això que has fet amb aquestes noies, Marquès, té encara més transcendència del que has fet amb els nois (que ja és dir moltíssim).

Respecte a això que dius, que les noies es barallen molt i que s’insulten en els partits de futbol i volen matar l’àrbitre..., implícitament estàs dient “els nois no ho fan, són diferents”... . Això entronca amb el nostre últim tema de reflexió, Xec, aquell de la importància dels texts sagrats –de la mitologia-, per la seva influència sobre el comportament i el destí de les persones.



Tot venia de que jo et deia que el primer llibre de la Bíblia –el del Gènesi- ja carregava amb el pes de tots els pecats del món Eva, i no Adam; i també projectava un comportament estereotipat de la relació de parella: el component femení serà sempre aquell que actuï com a element susceptible de caure en el pecat, però, sobre tot, de fer-hi caure a l’altre, ella porta dins seu la llavor de la temptació, mai ell. Tu em deies en alguna ocasió que aquestes històries no són tant relats verídics, com la quintaessència del que hom considera l’actuació humana més característica, un saber acumulat a base de llarga observació, que acaba per portar a aquestes conclusions. Vist així, a la meva manera de veure, encara és més greu que no pas si la història que conte la Bíblia (o qualsevol altre text mitològic) fos la mera descripció d’un fet real. Perquè, si es tractés d’un fet real, podríem dir que es tracta d’una anècdota aïllada i no tindria més importància, però, com que no ho és, com que els textos mitològics precisament el que pretenen transmetre són exemples que, a mode de paràboles, serveixen al que pretén passar per la descripció més característica del comportament dels éssers humans en unes situacions determinades que en la història es reprodueixen indefinidament, llavors el que diuen o no diuen aquestes històries té una importància transcendental, marca per moltes i moltes generacions la vida de les persones i el destí a què ens aboquen es fa molt difícil (si no impossible) de canviar. Potser pensaràs que exagero en tot això. Però jo t’ho dic molt seriosament, convençuda plenament. Mai no he cregut en res més fermament com en això que diu precisament la Bíblia respecte al pecat original; només que jo ho entenc una mica d’una altra manera: el pes d’aquest pecat perseguirà l’ésser humà a través de les generacions, i perseguirà sobre tot Eva, com a instigadora de tota aquesta història.

I ara tornem a allò que et deia dies enrera i que feia referència a l’autoria dels texts mitològics:

Si això que et dic més amunt té tanta i tanta importància, llavors cal plantejar-se la responsabilitat que es deriva d’aquests texts, perquè marquen la vida de les persones de manera literalment definitiva.

Per tornar al nostre exemple concret del llibre del Gènesi:
Dit resumidament, aquest llibre parla de temptació, però la concreció d’aquesta temptació és el sexe i, tal com s’explica allà la història, la relació entre els gèneres quedarà fixada en uns rols molt nítidament definits, també les característiques genèriques que es desprenen d’aquest comportament esteriotipat, que actuarà per sempre com ho fan els estereotips: passen per ser la radiografia d’una realitat, en aquest cas marcada per la biologia i, per tant, considerada universal i no modificable.
Però a cap ment lúcida dels nostres temps (i dels passats) pot escapar-se-li que, si el text l’hagués escrit una dona, l’estereotip l’hagués descrit a l’inrevés: a mi, pel que fa al sexe, em tempta Adam, no Eva, m’atrau el cos masculí, no el femení. Tanmateix, quan una dona s’ha pogut permetre d’escriure lliurament sobre la seva manera de sentir i viure el sexe sense córrer el risc de ser titllada de bruixa (com a l’Edat Mitja) o de, com vulgarment se’n diu en els temps moderns, “calenta” o “nimfòmana”? La dona que ho faci haurà de comptar en ser exclosa de molts círcols socials i haurà de lluitar més del compte per tirar endavant sortir-se’n a la vida. Només en els últims anys del segle XX (abans d’aquest moment les excepcions eren més que comptades) algunes dones han començat a escriure i a parlar sobre aquests temes molt tímidament i a fer-ho públic. Jo ho considero un acte de valentia i, sobre tot, de responsabilitat. Perquè només així es pot anar canviant, encara que sigui a través de moltes generacions, el que hom considera genètic i no ho és. És per això que jo escric de tant en tant microrrelats eròtics.

Evidentment, els rols que es fixen socialment actuen com una llosa de la qual és molt difícil desempallegar-se’n i, al seu torn, desencadenen comportaments que arrelen tant en l’interior dels individus que vertaderament pot semblar que són genètics. I ara torno a allò que deies tu sobre els equips de futbol femenins, “que es barallen i s’insulten...”. Aquesta és una prerrogativa que passa per ser una característica femenina també en moltes altres situacions i que es perpetua a través dels mitjans: com les pel·lícules, la televisió, la publicitat... . I, evidentment, també de l’observació de la vida real. Això que tu has observat de les noies en el futbol és una experiència real, sí, però això no vol dir que sigui genètic i inherent al fet de ser dones. La interiorització dels rols genèrics comença a fer la seva feina des del mateix moment de néixer. Homes i dones ens sentim molt aviat dins d’una comunitat genèrica, que ens serveix de model, i les tasques que genèricament tenim assignades uns i altres porten a comportaments que acabem per creure genètics, quan, de fet, són socialment heretats. Reconec que és molt difícil destriar què ve genèticament marcat pel gènere i què no, perquè ja fa massa mil·lenis que ens hem anat transmetent, de generació en generació, comportaments que en la prehistòria (segurament) devien tenir el seu principi en la diferència física dels gèneres. Tot plegat acaba per esdevenir un cercle viciós on ens hem de preguntar allò de que què és primer si l’ou o la gallina.

Una vegada vaig sentir un programa de ràdio que parlava de la publicitat i la imatge que la publicitat transmetia dels rols en funció del gènere. La persona entrevistada, especialista en la matèria, deia que la publicitat havia d’anar sempre una mica darrera de la realitat. És a dir, que si, posem per cas, en la vida real un home a casa ja començava a posar una rentadora, això la publicitat no ho podia mostrar fins que aquesta conducta no estigués al menys una mica estesa i no representés només una excepció. Si hom volia que la publicitat fos efectiva, havia d’ésser així, deia. Però aquesta manera d’argumentar transporta implícitament la idea de que, per una banda, aquesta mena de comportaments NO són genètics i que es poden canviar i, per l’altra, que aquests canvis, si bé són possibles, es produeixen molt lentament.

D’altra banda, i com a complement del que acabo de dir, tenim els psicòlegs i els pedagogs, que sovint es queixen que en els llibres de text les il·lustracions que representen dones / nenes són molt més escasses que les que representen homes / nens, i no diguem ja quan es tracte de representar persones desenvolupant segons quines activitats: difícilment s’hi veurà un home fregant una casa o una dona exercint d’enginyera. Si els psicòlegs i pedagogs ho reclamen, és perquè saben que aquests rols es perpetuen i es perpetuaran sempre si no es fa plausible de manera il·lustrada (mai millor dit) que les coses poden ser d’una altra manera. És a dir, cal poder-se sentir retratat / retratada genèricament en una imatge o en un@ congènere per imaginar que un@ pot esdevenir com ell@. Ens cal l’empatia.

Dius: “Quan un text no pot ser objecte de crítica literària, històrica i social esdevé un fòssil que només viu de les obsessions malaltisses de puritans i d’esperits fanàtics.
El text sagrat que més conec, la Bíblia, és una col·lecció de llibres que es configuren com relectures contínues d’esdeveniments i de conceptes. Cert, que a cada època hi ha elements o grups que reivindiquen una relectura 'integrista' del text i es revolten davant qualsevol intent de relectura. Trobo que, pel que fa a la Bíblia, disposem avui de prou eines crítiques perquè imatges o projeccions contràries als drets humans que busquin justificar-se en un text bíblic no puguin anar gaire lluny, tret dels cercles fonamentalistes i integristes
”. Estic d’acord amb tu, Xec; però el problema és que aquestes “eines crítiques” de què tu parles per interpretar la Bíblia, de les quals penses que “disposem avui” estan a l’abast intel·lectual de molt pocs, massa pocs, i que és important no només interpretar el text d’una manera més adient als coneixements adquirits i desvetllats a través dels temps, sinó també canviar el propi text, la lletra del propi text, per adequar-lo en justícia al que és REALMENT. La mirada sobre el món té dos gèneres, i no un de sol, i això és tant així, que fins les parelles homosexuals tenen la seva part “femenina” i la seva part “masculina”. Somnio amb el dia en què s’asseguin un grup de teòlegs i un de teòlogues, tot@s junts@, a reescriure la Bíblia i tots els textos mitològics que ha produït la cultura masculina (que no humana).

Espero el teu eco, Marquès.

Una molt forta abraçada,

Anna


***

CARTA DE ANNA ROSSELL AL TEÓLOGO Y SALESIANO XEC MARQUÈS (Traducción al español de Anna Rossell)

El Masnou, 16-08-09

Querido Xec,

gracias por tus letras y por la fotografía del equipo de chicas que nos has enviado. Es una monada de foto y las chicas tienen unas caritas la mar de saladas. Mis más sinceras felicitaciones por este enorme éxito: más de 3oo niñ@s en el Patio Salesiano, un curso de formación de monitores de tiempo libre, más de 50 niñ@s en las actividades de refuerzo escolar y ahora esto: ¡¡¡¡4 equipos femeninos!!!! ¡No está mal, Marquès, ¡no está nada mal! Porque esto que enumero son los meros resultados -los frutos-, pero detrás de cada fruto hay muchísimo trabajo: observar, trabajar la tierra, abonarla, labrarla, regarla, librarla de piedras, allanarla... ¡y tantas y tantas otras actividades previas!

Escribes que las chicas, cuando juegan al fútbol, se pelean mucho, que se insultan y quieren matar al árbitro..., pero también dices que "merece la pena". ¡Y tanto que la merece, Marquès! No sé si eres del todo consciente de lo que representa para una chica ver y sentir que puede participar en actividades sociales elegidas por ella misma, participar, aunque sea tan sólo de un pedacito, del mismo mundo privilegiado que un chico. Porque lo que se experimenta en una actividad -en este caso, el fútbol- se hace extensible, más o menos inconscientemente, a todos los otros ámbitos de la vida. Y de repente te sientes ciudadana del mundo, un sentimiento que no habías tenido nunca y que no habías soñado tener jamás, y poco a poco te vas haciendo consciente de que también tú tienes derechos y puedes hacer las cosas que te propongas tú, y no sólo aquellas a las que te obligan los demás. Parece que no pueda ser que algo así, que aparentemente es una pequeñez sin importancia -poder disfrutar de un poco de tiempo libre- no sólo cambie el día a día de las personas, sino -lo que es aún más esencial- su futuro. Es por ello que lo que has hecho por estas chicas tiene todavía más trascendencia de lo que has hecho por los chicos (que ya es decir muchísimo).

Respecto a esto que escribes de que las chicas se pelean mucho, que se insultan en los partidos de fútbol y que quieren matar al árbitro..., implícitamente estás diciendo: "los chicos no lo hacen, son distintos"... . Esto enlaza con nuestro último tema de reflexión, Xec, aquél de la importancia de los textos sagrados -de la mitología-, por la influencia que tienen sobre el comportamiento y el destino de las personas.


Todo venía de que yo te decía que en el primer libro de la Biblia -el del Génesis- ya cargaba con el peso de todos los pecados del mundo a Eva, y no a Adán; y también proyectaba un comportamiento estereotipado de la relación de pareja: el componente femenino será siempre aquél que actúe como elemento susceptible de caer en el pecado, pero, sobre todo, de hacer caer en él al otro; ella lleva dentro de sí la semilla de la tentación, nunca él. Tú me decías en alguna ocasión que estas historias no son tanto relatos verídicos, como la quintaesencia de lo que se considera la actuación humana más característica, un saber acumulado a base de larga observación, que acaba por conducir a estas conclusiones. Visto así, a mi modo de ver, aún es más grave que si se tratara de una historia real. Porque si fuera un hecho real, podríamos decir que estamos ante una anécdota aislada y no tendría mayor importancia, pero, como no lo es, como los textos mitológicos precisamente lo que pretenden transmitir son ejemplos que, a modo de parábolas, sirvan a lo que pretende pasar por la descripción más característica del comportamiento de los seres humanos en situaciones determinadas que en la historia se reproducen indefinidamente, entonces lo que dicen o no dicen estas historias tiene una importancia trascendental, marca por muchas y muchas generaciones la vida de las personas, y el destino al que nos abocan se hace muy difícil (si no imposible) de cambiar.
Quizá pensarás que exagero con todo esto. Pero te lo digo muy seriamente, plenamente convencida. Nunca he creído en nada tan firmemente como en esto que dice precisamente la Biblia respecto al pecado original; sólo que yo lo entiendo un poco de otro modo: el peso de este pecado perseguirá al ser humano a través de las generaciones, y perseguirá sobre todo a Eva, como instigadora de toda esta historia.

Y ahora volvamos a aquello que te escribía hace unos días y que hacía referencia a la autoría de los textos mitológicos:

Si esto que te digo más arriba tiene tantísima importancia, entonces conviene plantearse la responsabilidad que se deriva de estos textos, porque marcan la vida de las personas de manera literalmente definitiva.

Volvamos a nuestro ejemplo concreto del libro del Génesis:
Resumidamente hablando, este libro habla de tentación, pero la concreción de esta tentación es el sexo y, tal como se explica allí la historia, la relación entre los géneros quedará fijada en unos roles muy nítidamente definidos, también las características genéricas que se desprenden de este comportamiento estereotipado, que actuará para siempre como lo hacen los estereotipos: pasan por ser la radiografía de una realidad, en este caso marcada por la biología y, por tanto, considerada universal y no modificable.

Pero a ninguna mente lúcida de nuestro tiempo (y del pasado) puede escapársele que, si el texto lo hubiera escrito una mujer, la descripción del estereotipo hubiera sido la inversa: a mí, por lo que hace al sexo, me tienta Adán, no Eva; me atrae el cuerpo masculino, no el femenino. Sin embargo, ¿cuándo se ha podido permitir una mujer escribir libremente sobre su modo de sentir y vivir el sexo, sin correr el riesgo de ser tildada de bruja (como en la Edad Media) o, como vulgarmente se dice en los tiempos modernos, de "caliente" o de "ninfómana"? La mujer que lo haga deberá asumir la exclusión de muchos círculos sociales y habrá de luchar más de la cuenta por seguir adelante en la vida. Sólo en los últimos años del siglo XX (antes de este momento las excepciones eran más que contadas) algunas mujeres han comenzado a escribir y a hablar sobre estos temas muy tímidamente y a hacerlo público. Yo lo considero un acto de valentía y, sobre todo, de responsabilidad. Porque sólo así se puede ir cambiando, aunque sea a través de muchas generaciones, lo que se considera genético y no lo es. Ésta es la razón por la que escribo de vez en cuando microrrelatos eróticos.

Evidentemente, los roles que se fijan socialmente actúan como una losa de la que es muy difícil librarse y, a su vez, desencadenan comportamientos que arraigan tanto en el interior de los individuos, que verdaderamente pudiera parecer que son genéticos. Y ahora vuelvo a lo que decías tú sobre los equipos de fútbol femeninos, "que se pelean y se insultan...". Ésta es una prerrogativa que pasa por ser una característica femenina también en muchas otras situaciones y que se perpetúa a través de los medios: a través de películas, la televisión, la publicidad... . Y, claro, también a través de la observación de la vida real. Esto que tú has observado de las chicas en el fútbol es una experiencia real, sí, pero ello no quiere decir que sea algo genético e inherente al hecho de ser mujeres. La interiorización de los roles genéricos empieza a hacer su trabajo desde el mismo momento del nacimiento. Hombres y mujeres nos sentimos muy pronto dentro de una comunidad genérica, que nos sirve de modelo, y las tareas que genéricamente tenemos asignadas unos y otras derivan en comportamientos que acabamos por creer genéticos, cuando, en realidad, son socialmente heredados.
Reconozco que es muy difícil deslindar qué viene genéticamente marcado por el género y qué no, porque ya hace demasiados milenios que nos hemos ido transmitiendo, de generación en generación, comportamientos que en la prehistoria debieron (de) tener su razón de ser en la diferencia física de los géneros. Todo ello termina por convertirse en un círculo vicioso ante el cual hemos de preguntarnos qué fue primero si el huevo o la gallina.

Una vez escuché un programa de radio que hablaba de publicidad y de la imagen que la publicidad transmitía de los roles en función del género. La persona entrevistada, especialista en la materia, decía que la publicidad debía ir siempre un poco a la zaga de la realidad. Es decir, que si, por ejemplo, en la vida real un hombre en su casa ya ponía una lavadora, la publicidad no podía mostrar esto hasta que esta conducta no estuviera al menos un poco extendida y no representara únicamente una excepción. Si se quería que la publicidad fuera efectiva, debía ser así, decía. Pero esta manera de argumentar transporta implícitamente la idea de que, por un lado, esta clase de comportamientos NO son genéticos y que se pueden cambiar y, por otro, que estos cambios, si bien son posibles, se producen muy lentamente.

Por otra parte, y como complemento de lo que acabo de decir, tenemos a sicólogos y pedagogos, que a menudo se quejan de que en los libros de texto las ilustraciones que representan mujeres / niñas son mucho más escasas que las que representan hombres / niños, y no digamos ya cuando se trata de representar a personas desarrollando según qué tipo de actividades: dificilmente veremos a un hombre fregando una casa o a una mujer ejerciendo de ingeniera. Si los sicólogos y los pedadogos lo reclaman es porque saben que estos roles se perpetúan y se perpetuarán siempre si no se hace plausible de manera ilustrada (nunca mejor dicho) que las cosas pueden ser de otro modo. Es decir, es necesario sentirse retratad@ genéricamente en una imagen o en un@ congénere para imaginar que un@ puede convertirse en lo mismo que est@ congénere. Necesitamos la empatía.

Dices: "Cuando un texto no puede ser objeto de crítica literaria, histórica y social se convierte en un fosil que sólo vive de las obsesiones enfermizas de puritanos y de espíritus fanáticos. El texto sagrado que más conozco, la Biblia, es una colección de libros que se configuran como relecturas contínuas de los acontecimientos y de conceptos. Cierto que en cada época hay elementos o grupos que reivindican una relectura 'integrista' del texto y que se rebelan ante cualquier intento de relectura. Pienso que, por lo que a la Biblia se refiere, disponemos hoy de suficientes herramientas críticas como para que imágenes y proyecciones contrarias a los derechos humanos que buscan justificarse en un texto bíblico no puedan ir muy lejos, con excepción de los círculos fundamentalistas e integristas". Estoy de acuerdo contigo, Xec; pero el problema es que estas "herramientas críticas" para interpretar la Biblia de las que hablas y de las que piensas que "disponemos hoy" están al alcance intelectual de muy pocos, de demasiado pocos, y que es importante no sólo interpretar el texto de un modo adecuado a los conocimientos adquiridos y desvelados a través de los tiempos, sino también modificar el propio texto, la letra del propio texto, para adecuarlo en justicia a lo que es EN REALIDAD. La mirada sobre el mundo tiene dos géneros, y no uno solo, y esto es así hasta tal punto, que incluso las parejas homosexuales tienen su parte "femenina" y su parte "masculina". Sueño con el día en que un grupo de teólogos y un grupo de teólogas, tod@s junt@s, se sienten a reescribir la Bíblia y todos los textos mitológicos que ha producido la cultura masculina (que no humana).

Espero tu eco, Marquès.

Un abrazo muy fuerte,

Anna